Akte der Rebellion

Nancy Spero, Picasso and Frederick’s of Hollywood, 1990, Ausgeschnittenes und aufgeklebtes handbedrucktes Papier und Handdruck auf Papier, 43,8 x 278,4 cm (2 Tafeln), Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Erstmalig in Deutschland: Das Museum Folkwang präsentiert bis zum 25. August 2019 die erste große Nancy Spero-Retrospektive. Die US- amerikanische Künstlerin Spero (1926–2009) hat sich zeitlebens mit existenziellen Aspekten des Menschseins auseinandergesetzt.

Krieg und Gewalt spielen in Nancy Speros Werk ebenso eine Rolle wie Ungerechtigkeiten im Verhältnis der Geschlechter. Zehn Jahre nach dem Tod der Künstlerin widmet ihr das Museum Folkwang eine große Überblicksausstellung mit 75 Werken; darunter Arbeiten auf Papier, Gemälde sowie eine raumgreifende Installation.

Stephan Reusse und Nancy Spero: Nancy Spero, 1989, Aus der Serie der Collaborations von Stephan Reusse, Fotoleinen mit Handdruck in Acrylfarbe, 179 x 123 cm, Courtesy Galerie Inge Baecker, Bad Münstereifel © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Spero verstand sich als politische Künstlerin, die mit den Mitteln der Kunst zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen und politischen Geschehnissen Stellung bezog. Ihr wichtigstes Ausdrucksmittel sind weibliche Figuren, wobei sie überlieferte Bildtypen aufgreift und neu kombiniert. Außergewöhnlich ist die äußere Form vieler Werke: Spero verwendet lange Papierbahnen, die sie bemalt, collagiert und mit Figurenstempeln bedruckt.

Zu ihren frühesten Werken gehören die Paris Black Paintings – großformatige Gemälde von Liebespaaren vor dunklem Fond, die wie isoliert von der Welt erscheinen. Sie entstehen zwischen 1959 und 1964 in Paris.

Speros Werk nimmt unter dem Einfluss des Vietnamkriegs eine radikale Wendung. Ihre War Series (1966–70), eine Gruppe von mehr als einhundert Werken, prangert in schonungsloser Weise Krieg und Gewalt an. Als Aktivistin beteiligt sie sich an Aktionen der Frauenbewegung. So ist sie 1972 Mitbegründerin der New Yorker A.I.R. Gallery, der ersten Galerie, die nur Künstlerinnen ausstellt.

Nancy Spero: Artaud Painting – „Les choses n’ont plus d’odeur…“, 1970, Gouache und Collage auf Papier, 55,9 x 52 cm, Courtesy Galerie Lelong & Co. © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

Sie beschäftigt sich 1969 und 1973 intensiv mit dem französischen Dramatiker, Schauspieler und Theatertheoretiker Antonin Artaud (1896–1948), dem Erfinder des Theaters der Grausamkeit. Es entstehen mit den Artaud Paintings und dem Codex Artaud zwei Werkgruppen, in denen Spero Zitate des Autors aufgreift und mit geometrischen und figurativen Motiven verschmilzt.

Spero bildet ab 1972 nur noch Frauen in ihren Werken ab, wobei sie auf Bildvorlagen von Motiven der Antike bis hin zu zeitgenössischen Darstellungen zurückgreift. Eine der wichtigsten Arbeiten, mit denen Spero die Unterdrückung von Frauen thematisiert, ist das monumentale Werk Torture of Woman von 1976. Spero fügt dafür vierzehn breite Papierbahnen zu einem horizontalen Fries zusammen, kombiniert Frauendarstellungen mit Textfragmenten von Folterungen in autoritären Regimen. In den 1970er Jahren kristallisieren sich Maschinenschrift, Handdruck und Collage als Speros favorisierte künstlerische Ausdrucksform heraus.

Mitte der 1980er Jahre verzichtet Spero auf Texte und konzentriert sich auf die Wirkmacht ihres wachsenden Repertoires an weiblichen Figurenstempeln aus Antike und Gegenwart, Kunst und Mythos, Mode und Werbung. Frauen erscheinen nun nicht mehr als Opfer – im Gegenteil: Vor starkfarbigen geometrischen Flächen zelebrieren diese Figuren einen beschwingten Reigen selbstbestimmter Weiblichkeit. Einblicke bietet die Ausstellung in der Sektion Göttinnen und Tänzerinnen anhand herausragender Arbeiten aus dem Zeitraum von 1985 bis 2002.

Mit Maypole: Take No Prisoners präsentiert die Ausstellung die raumgreifende Installation, die Spero 2007 für die 52. Biennale in Venedig realisiert hat: ein Maibaum, an dessen Bändern abgeschnittene Köpfe hängen. Sie selbst formulierte bereits 1985: „Ich betrachte meine Kunst als Akte der Rebellion.“

Die Ausstellung des Museum Folkwang wandert im Anschluss an das Nordiska Akvarellmuseet, Skärhamn (Schweden), das Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek (Dänemark) und an das Lillehammer Kunstmuseum (Norwegen).

Gefördert ist die Schau von der Terra Foundation for American Art. Zu sehen ist sie noch bis zum 25. August 2019.

Text: Museum Folkwang / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung des Museums Folkwang

Informationen: www.museum-folkwang.de

Adresse: Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen (Navigationsinformation: Bismarckstraße 60)

Telefon: 0201 / 88 45-000

Öffnungszeiten:dienstags und mittwochs, samstags und sonntags sowie feiertags 10 – 18 Uhr, donnerstags und freitags 10 – 20 Uhr

Eintritt: 8 Euro

Katalog (erscheint in Kürze):

Edition Folkwang/Steidl
20 Euro
ISBN 978-3-95829-660-2

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *