Einer blickte zurück
ins Kuckucksnest

Das graue Haar steht ihm ein bisschen zu Berge, als Götz Aly am Lesepult steht, aber immer wieder huscht ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. Da redet kein dröger Bücherwurm; der Mann ist der menschlichen Seele auf der Spur. Für die Recherche zu seinem jüngsten Buch hat Götz Aly mehrfach einige Monate in Israel verbracht, vorwiegend in der Bibliothek der Gedenkstätte Yad Vashem, wo noch heute täglich Besucher Dokumente suchen und finden über das Schicksal ihrer Verwandten, die während des Dritten Reichs deportiert wurden. „Der Ort, an dem man schreibt, beeinflusst das Ergebnis“, gesteht der Autor im Gespräch.

Götz Aly, Jahrgang 1947, hat die Studentenproteste der ‚1968er‘ an der Münchner Journalistenschule und am Brennpunkt der Revolte, der Freien Universität Berlin erlebt. Er wurde in Politikwissenschaft promoviert, arbeitete als Journalist bei mehreren Tageszeitungen und beschäftigte sich als Wissenschaftler mit der zentralen Katastrophe der Zivilisation im 20. Jahrhundert: Warum haben fast alle Deutschen es unterstützt, gebilligt oder zumindest gleichgültig angesehen, dass der Staat ihre Nachbarn und sogar Verwandten wegschaffte, einsperrte und umbrachte mit der Begründung, dass sie nicht den propagierten Zielen der Züchtung einer idealen Rasse entsprächen?

Alys Publikationen stießen viele Diskussionen an und erfreuten sich einer für historische Arbeiten ungewöhnlich hohen Aufmerksamkeit des Publikums. 1994 habilitierte Aly sich am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU Berlin. Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Wien und Frankfurt am Main.

Doch die OSI-Kollegen wollten ihn nicht zum Professor ernennen. Im Februar 2011 votierte der Fachbereichsrat gegen ihn mit einer polemischen Schärfe, bei der sich Gelehrte üblicherweise nicht erwischen lassen, wörtlich: „Wie auch immer man Herrn Aly als Historiker einschätzen mag, für eine Tätigkeit in den Politik- und Sozialwissenschaften fehlen ihm sowohl die theoretischen als auch die methodischen Voraussetzungen.“

Woher diese unverhohlen persönlich motivierte Abkanzelung? Aly hatte sich mit den ehemaligen Mitstreitern angelegt: Mit seinem 2008 erschienenen Buch ‚Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück‘ hatte er denjenigen, die sich für die Avantgarde der Emanzipation und des gesellschaftlichen Fortschritts hielten (und halten) unter die Nase gerieben, dass ihre ‚Bewegung‘ von 1968 mit jener ‚Bewegung‘ von 1933 vieles gemeinsam hatte, zum Beispiel die Ablehnung alles Amerikanischen und Liberalen, das (in ‚Anti-Zionismus‘ umgetaufte) antisemitische Klischee, die Neigung zur rohen Gewalt und die männliche Dominanz.

Das haben sie ihm nicht verziehen – obwohl Aly mit seiner Kritik auch sein eigenes Denken und Verhalten zur damaligen Zeit getroffen hatte. Denn er vertritt die These, dass man sich den Blick auf die Geschichte nicht trüben lassen dürfe durch den Druck, sich distanzieren zu müssen. Der Zwang, sich durch seine Erklärungen der Ereignisse zugleich immer selbst aus jeder möglichen Verstrickung herauszudefinieren, sei wie ein hohes Geländer, das die Sicht verstellt.

Dazu gehört auch die Erkenntnis der Dialektik von Gut und Böse: „Viele tun so, als ginge aus dem Guten nur das Gute hervor und das Böse aus dem Bösen“, sagt Aly in seinem Vortrag. „Das ist aber nicht immer so.“

Aus dieser (Selbst-)erkenntnis ist Aly zu einer neuen Erklärung für den verbreiteten Antisemitismus gelangt, der die Vernichtung möglich machte ausgerechnet in dem Staat, der bis dahin als besonders fortschrittlich in Bezug auf die soziale Gleichstellung und Gleichberechtigung der Juden galt, und in dem ihre Chancen auf Bildung und wirtschaftlichen Erfolg besser waren als überall sonst in Europa.

Denn gerade durch die Gleichberechtigung vor dem Gesetz und durch die staatliche Förderung von Schulen und Universitäten in der Weimarer Republik – so Alys Diagnose – konnte die früher stark benachteiligte jüdische Minderheit ihre Stärken ins Spiel bringen: höhere Affinität zu Bildung, auch für Mädchen und auch bei armen Familien, höhere Bereitschaft, die neuen Chancen der Technik und Industrie zu nutzen, weniger Neigung, der Vergangenheit als einer ‚guten alten Zeit‘ nachzutrauern. Und wie so oft gehe mit dem Erfolg auch der Neid der weniger Erfolgreichen einher.

Hier zieht Aly übrigens Parallelen zu anderen Genozid-Geschehnissen vor und nach der Judenvernichtung, etwa dem Massaker an den Armeniern in der Türkei während des Ersten Weltrieges oder dem blutigen Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda gegen Ende des 20. Jahrhunderts.

Und um sein Anliegen zu vermitteln, dass jeder die eigenen Wurzeln erforschen muss, um hinter die Wurzeln des Übels zu kommen, spricht Aly in seinen Vorträgen und Lesungen auch über seine eigene Familie. „In den Hinterlassenschaften meiner Vorfahren konnte ich einige einschlägige Dokumente finden“, schreibt er in seinem jüngsten Buch ‚Warum die Deutschen? Warum die Juden?‘:  „Ich integriere sie als gesellschaftsgeschichtliche Zeugnisse in den Text. Indem ich Quellen privater Provenienz einbeziehe, widerspreche ich Darstellungen, in denen so getan wird, als ließe sich die deutsche Judenfeindschaft und damit die Vorgeschichte des Holocaust in bestimmte Namen einzelner deutscher Institutionen, Verbände oder bekannter Antisemiten bannen.“

Das Buch ist im vergangenen Jahr erschienen. Seitdem arbeitet Götz Aly an seinem nächsten. Wovon es handelt, will er zur Zeit noch nicht verraten.

Ruth Hoffmann & Jan-Peder Lödorfer (Text)
repor-tal (Photos)

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