Tanz-Historie – brennend aktuell

Martha Graham: Dark Meadow, Photo Brigid Pierce

Die Martha Graham Dance Company aus New York hat das Publikum der Neusser Tanzwochen 2018 gefesselt mit einem kontrast reichen Programm aus historischen Choreographien von Martha Graham und einem modernen Stück, das in der Tradition der Gründerin mit dem Tanz auch soziale und politische Botschaften vermitteln will.

Mosaic ist von den Energien und der Sinnlichkeit des Nahen Ostens inspiriert“, sagt der flämisch-marokkanische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui, „und ist mein Versuch, seine verschiedenen Facetten und Paradoxien aufzudecken.“ Er ist in Antwerpen aufgewachsen und inzwischen mit vielen Preisen ausgezeichnet. Janet Ellber, seit 2005 Künstlerische Leiterin der Marha Graham Dance Company nennt Mosaic „Ein Stück moderner Kultur mit politischen Inhalten“. 

Die Musik – ein Zusammenschnitt von Aufnahmen aus dem Kreis um das Ensemble Sarband, das sich der Aufgabe gewidmet hat, die gemeinsamen musikalischen Wurzeln der drei monotheistischen Weltregligionen zu pflegen – und Choreographie entrücken die Zuschauer erst in eine Welt des Orients. Wie gemalt erscheint das Bild einer vielarmigen indischen Gottheit, von der ein Tänzer ‚verstoßen‘ wird oder sich selbst ‚ausstößt‘ und sich in eine moderne Welt integriert. Das Bild der ‚Gottheit‘ wandelt sich im Laufe der Choreographie, bis es zum Schluss in eine rechteckige Form gepresst erscheint, aus der fast alle Tänzer ausbrechen. Zurück bleibt ein verschreckt zitternder Rest alter Kultur – so eine von vielen möglichen Assoziationen dieses vor einem Jahr (Februar 2017) in New Your uraufgeführten Stückes.

Spannend das Solo Ekstasis von Martha Graham. „Das Stück galt als verloren“, erzählt Janet Ellber. Sie war erste Solistin bei Martha Graham und arbeitete eng mit der Choreographin zusammen, die 1991 starb. „Wir haben es anhand von Bildern und wiedergefunden Aufzeichnungen von Martha Graham rekonstruiert.“ Ekstasis ist eine Herausforderung für die Solistin PeiJu Chien-Pott. Das Becken fast horizontal seitlich aus der Hüfte heraus geschoben beginnt sie ihren Tanz, der sich mehr im Innern um ihre Körpermitte abspielt als in den Extremitäten.

Martha Graham / Dark Meadow, Foto Brigid Pierce

Dark Meadow Suite hat Martha Graham selbst beschrieben als „eine Wiederholung der Mysterien, die an dem ewigen Abenteuer der Suche teilnehmen“ beschrieben. Gezeigt wurden Highlights aus einer längeren Choreographie. Die Bewegungen wirken ritualisiert, zeitweilig erinnern sie an Photographien der in den 1920er und ’30er Jahren propagierten Körperkultur.

Chronicle aus dem Jahr 1936 war die Reaktion Martha Grahams auf Hitler – sie hatte die Einladung zu den Olympischen Spielen in Berlin abgelehnt. Düster, bedrohend, das Herz bedrückend kommt der Faschismus über die Menschheit und verschlingt die Individuen. Voll Ausdruck und Aussagekraft tanzt Xin Ying die ‚Machtergreifung‘, angeführt von Anne Souder versuchen die Menschen, sich dagegen aufzulehnen, müssen sich aber dennoch unterwerfen. Im dritten Teil der Choreographie kann der Aufstand sich durchsetzen, die Unterdrückung abschütteln. Doch das Mächtige der Schreckensherrschaft bleibt in den Bildern bestehen, wird nicht verdrängt.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.tanzwochen.de

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