Wir waren ihre Instrumente

„Ich kann es noch“, lächelt Josephine Ann Endicott bei einer Lesung auf der Bühne und zeigt dem Publikum die Grundpositionen ‚Drei’ und ‚Fünf’ des klassischen Balletts und den ‚Schwan‘. „Und dies sind typische Pina-Bewegungen“ – Sie ummalt ihren Kopf mit den Armen und zeichnet sanfte Wellen in die Luft.

„Ich kann sie alle noch!“

Gleich sind die Gäste in ihren Bann gezogen. „Ja, ich kann’s noch.  Aber ich will nicht mehr“, kommt verschmitzt hinterher. Die schlanke Frau mit dem zugleich selbstbewussten aber auch verletzlich wirkenden Auftreten hat etwas zu sagen, das merkt man sofort. Ja, sie kann es alles noch – und noch viel mehr. Denn sie kann Gefühle nicht nur in Tanz übertragen, sondern auch in Worte kleiden, selbst in der ihr fremden Sprache Deutsch.

Geboren wurde sie in Sydney, Australien. Schon als Kind begeisterte sie sich für das Tanzen und durchlief die klassische Ballett-Ausbildung. Jo Ann war nicht nur fleißig, sondern auch hoch talentiert. Mit 18 wurde sie in die Australian Ballet Company in Melbourne aufgenommen.

Wenn sie lacht, lachen alle mit.

Amüsiert berichtet sie die Geschichte, als ihr gesagt wurde, sie sei doch zu kräftig, um eine wirkliche Karriere zu starten. Sie solle besser abnehmen oder sich zumindest die Backenzähne ziehen lassen, um ein schmaleres Gesicht zu bekommen. „Dabei war ich gar nicht dick“, lacht sie. „Ich hatte nur runde Wangen.“

So zog sie 1973 mit 23 Jahren nach London, um von dort Europa zu erobern. Dass daraus eine Eroberung der Welt wurde, ahnte sie damals noch nicht. Ein Jahr später begegnete sie Pina Bausch. Das heißt, die Choreographin sah sie beim Ballett-Training und engagierte sie vom Fleck weg. Jo Ann Endicott drückte Seele und Gefühl in ihrem Tanz aus. Sie ging vollkommen in den Stücken auf und gab sich selbst preis.

Ganz und gar dem Tanz hingegeben

Jo Endicott war eine der ganz großen Tänzerinnen der berühmten Choreographin. Sie erinnert sich noch gut an die harte Zeit, als die Choreographin mit ihrer Truppe noch nicht international gefeiert wurde. Anfangs hatte ein großer Teil des Publikums etwa in Bochum oder Wuppertal noch wenig Verständnis für die unkonventionellen Ideen.

Inzwischen belegen viele internationale Preise auch Endicotts Erfolge. Einer der letzten, bevor sie ihre tänzerische Laufbahn beendete, war der ‚Ordre des arts et de lettres’, den sie 2008 in Paris verliehen bekam. Sie wurde sozusagen zum Ritter geschlagen, zum ‚Chevalier’. Der Orden ist in drei Klassen unterteilt. Im kommenden Jahr wird Jo Ann Endicott offiziell zum ‚Officier des Arts et Lettres’ ernannt. Darauf darf sie mit Recht stolz sein.

Verarbeitet hat die Tänzerin ihr Erleben in bisher zwei Büchern. „Früher habe ich viele Briefe an meine Mutter in Australien geschrieben. Eigentlich habe ich immer geschrieben“, sagt sie mit einem Lächeln. Da war es ganz selbstverständlich, ihre Empfindungen aufzuschreiben.

1999 erschien ‚Ich bin eine anständige Frau’. „Auch wenn wir auf der Bühne oft durchsichtige Kleider tragen, heißt das nicht, dass wir Tänzerinnen leichte Mädchen sind!“ Mit diesem Vorurteil möchte sie aufräumen. In dem Buch erfährt man , wie die Stücke entstehen. Die Tänzer sind am Entstehungsprozess stark beteiligt und bringen persönliches Erleben ein. Somit werden die Stücke sehr authentisch.

Genauso persönlich wie in ihrem ersten Buch berichtet Jo Ann Endicott in Ihrem zweiten Werk ‚Warten auf Pina’, das zehn Jahre nach dem ersten herauskam. In beiden Büchern spürt man den Widerspruch, fast eine Hass-Liebe, die sie mit der Choreographin verband.

Josephine Endicott gab alles, um sich der Herausforderung ‚Pina Bausch’ zu stellen. Sie bestand und gewann, aber sie ging bis an den Rand ihrer Kraft. Sehr vorsichtig nähert sich Jo Ann Endicott dieser Vorstellung an. „Schreiben geht nicht so schnell. Es ist ein sehr einsamer Prozess. Du musst dich ganz in deine Welt hineinbegeben“, erklärt sie fast schon in sich gekehrt.

Josephine Ann Endicott brauchte den Abstand zum Tanztheater. „Wenn ich nicht Tänzerin bin, bin ich ein ganz normaler Mensch. Sie ist Choreographin, Schriftstellerin, Mutter und Hausfrau. „Das brauche ich, um mich wieder auf ein normales Level zu bringen.“ Mit ihrer Familie lebt sie in der Nähe von Karlsruhe auf dem Land.

Ein Gesicht voller Emotionen

„Jahrelang bin ich vier Stunden nach Wuppertal gefahren und vier Stunden zurück. Aber ich brauchte das.“ Blickt man in die versonnenen grünen Augen der Tänzerin, ahnt man warum, so viele Empfindungen spiegeln sich darin. Fast möchte man sie in die Arme schließen und trösten.

Doch auch die andere Seite der Jo Ann Endicott kommt in ihren Büchern zum Tragen. Die fröhliche und unbeschwerte Frau, die sich neugierig auf ungewohnte Garten- und Hausarbeit stürzt. Zu den bezauberndsten Schilderungen in ihrem Buch ‚Warten auf Pina’ gehören die Episode über das Marmeladekochen mit einer Nachbarin und die etwas unheimliche Geschichte ihres alten Hauses, dessen Vorbesitzer sich das Leben genommen hatten.

Doch für Jo Ann Endicott, ihren Mann, den Schauspieler Ferdinand Grözinger und ihre drei Kinder ist es zu einem wirklichen Heim geworden. Auch wenn die Kinder heute längst ausgezogen sind: Sie schildert es wie eine Trutzburg, die den ruhenden Pol für die Künstlerfamilie bildet.

Über die 2009 verstorbenen Pina Bausch sagt sie: „Pina war eine Frau voller Geheimnisse. Jeder beim Tanztheater hatte eine Beziehung zu ihr. Aber jeder eine andere. Zu mir sagte sie immer: „Ich muss mich auf dich verlassen.“ Das habe ich ihr durch harte Arbeit bewiesen. Pina konnte verzaubern. Wir waren alle für sie da. Wir waren ihre Instrumente.“

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Photos)

Jo Ann Endicott: Ich bin eine anständige Frau!, suhrkamp taschenbuch 3002, 1999

Jo Ann Endicott: Warten auf Pina, Aufzeichnungen einer Tänzerin, Henschel-Verlag, 2009

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