Unter sieben Segeln

Zu den Traditionsseglern im deutschen Ostseeraum gehört ‚Petrine‘, einer der letzten See-Ewer. Dieser Schiffstyp wurde im 18. Jahrhundert speziell für die flachen Küstengewässer konstruiert und so getakelt, dass er notfalls von einem Mann gesteuert und gesegelt werden konnte – daher der Name ‚Ewer‘ vom niederländischen ‚eenvarer‘.

Petrine unter Motor

Petrines Rumpf ist 24 Meter lang und 5,6 Meter breit. Mit ihrem Tiefgang von 1,8 Metern kann sie flache Gewässer wie die Bodden der Ostsee und das Watt der Nordsee befahren. Der flache Rumpf ohne Kiel erlaubt ihr, mit der Ebbe trockenzufallen, ohne dass sich das Schiff auf die Seite legt.

Petrine ist Baujahr 1909, arbeitete ursprünglich nur unter Segeln, später als Küstenmotorschiff, und wurde in den 1980er Jahren vor dem Abwracken gerettet und restauriert. Der Frachtraum sieht heute aus wie eine Gaststube mit offener Küche. Vorn und achtern gibt es Kabinen für insgesamt bis zu 25 Passagiere. Die Besatzung, bestehend aus dem Skipper Jochen Storbeck und einem Matrosen, wohnt im Achterschiff.

Skipper Jochen Storbeck

Petrine wird heute von einem Verein getragen, dem Verein ‚Mensch & Meer e.V.‘ Von ihrem Heimathafen, dem Örtchen Vitte auf der Insel Hiddensee, legt sie seit 1991 während der ganzen Sommersaison zu kleineren und größeren Törns auf der Ostsee ab. Je nach Dauer der Törns sind auch ferne Ziele erreichbar, zum Beispiel die Bretagne, Schottland oder Skandinavien bis zum Nordkapp.

Der See-Ewer wird von bis zu sieben Segeln an zwei Masten mit insgesamt 310 Quadratmetern Fläche angetrieben. Die Takelungsart heißt ‚Galeasse‘; es gibt einen Groß- und einen Besanmast, jeweils mit einem Gaffel- und einem Toppsegel, und drei Vorsegel: Fock, Klüver und Flieger.  Bei Segelmanövern müssen die Passagiere mit anpacken. Für Hafenmanöver und Flauten sorgt ein betagter, aber solider Zweizylinder Schiffsdiesel mit hundert PS für Fahrt, dessen vernehmliches Tuckern unverkennbar ist. Unter Segeln ist Petrine aber ein leises Schiff.

Himmlische Ruhe unter Segeln

Ihre Navigations- und Sicherheitsausrüstung entspricht den Anforderungen der Seeberufsgenossenschaft. Es gibt ein Beiboot mit Außenbordmotor und etliche Geräte, mit denen man Wasser und Meeresgrund untersuchen kann. Den Komfort eines Kreuzfahrtschiffes darf man natürlich nicht erwarten, doch es gibt eine Zentralheizung, eine Dusche und eine ohne Verrenkungen benutzbare Toilette. Das ist auch nötig; denn die meisten Häfen im Ostseeraum bieten bei weitem noch nicht den Standard, den man von den Segler-Häfen Niederlanden, Skandinaven oder Großbritannien kennt. Eine Internet-Verbindung lässt sich von Bord inzwischen auch aufbauen.

Wer an einem längeren Törn teilnehmen möchte, muss keine bestimmten Voraussetzungen mitbringen. Skipper Jochen Storbeck verspricht: „Niemand wird überfordert!“ Doch man sollte sich darüber im klaren sein, dass man während des gesamten Törns 24 Stunden am Tag miteinander auskommen muss. Auch die Kabinen mit ihren Holzwänden bieten kaum eine Intimsphäre. Dafür ist das Erlebnis einer solchen Reise in unmittelbarem Kontakt zu Schiff, Wind und Wasser ein Erlebnis, dass keine Kreuzfahrt auf einem Luxus-Schiff zu bieten hat.

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Photos & Video)

Informationen: www.petrine.de

 

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