Der perfekte Pinselstrich

Die 58jährige Nortrud McLellan ist eine zierliche, helle Erscheinung. Sie strahlt ebensoviel Charme wie britische Distinguiertheit aus. Obwohl sie dort nicht aufgewachsen ist, sondern ihrem Mann Alastair gefolgt war. „In England lieben die Menschen Gärten“, strahlt die Malerin. „Das wurde zur Tradition seit den 1920er Jahren. Damals hatte die Regierung jeder normalen Familie die Chance versprochen, ein Häuschen mit Garten zu erwerben. Das sieht man auch an der Bebauung, den vielen kleinen Häusern in den Ortschaften.“ Auch Nortrud McLellan hat in England voll Hingabe ihren Garten in Yorkshire gepflegt.

Gärten sind eine Leidenschaft der Künstlerin. Kein Foto, sondern gemalt!

Nortrud hat ihren Mann, einen gebürtigen Schotten, bei einem Schottland-Urlaub kennengelernt. Zunächst pendelten beide monatlich zwischen Wuppertal und London, wo Alastair arbeitete. Nortrud arbeitete damals in Wuppertal als Grafik-Designerin. Schon immer fühlte sie sich zwischen zwei Interessengebieten hin- und hergerissen: der Kunst und der Biologie. Irgendwann hatte sie sich schließlich für das Studienfach Grafik-Design entschieden. Später studierte sie auch noch Kunstgeschichte.

Nach ihrer Heirat kam Alastair McLellan zunächst für einige Jahre nach Wuppertal. Später zog das Ehepaar dann nach Yorkshire. „Ich glaube wir haben genauso lange in Wuppertal gewohnt wie in England“, überlegt die zierliche Malerin.

Wie eine zarte Blume in einem wunderschönen englischen Garten lebt Nortrud McLellan zwischen ihren Aquarellen.

Malen ist ihr in England zur Leidenschaft geworden. „Ich glaube, dank der Liebe zum Garten hat auch die botanische Malerei in Großbritannien einen hohen Stellenwert behalten“, meint Nortrud McLellan. Durch Ehemann Alastair lernte sie die englische Kunstszene kennen und darüber auch die alte englische Tradition der botanischen Aquarellmalerei. „Diese jahrhundertealte Tradition ist in Deutschland leider verloren gegangen“, erzählt Nortrud McLellan. „Sie wurde im 16. Jahrhundert von Forschern und Entdeckern gefördert. Die nahmen Maler mit auf ihre Expeditionen, um möglichst exakte und naturgetreue Abbildungen mit in die Heimat bringen zu können. So wurden auch viele Forscher selbst zu Malern. Zu den bekanntesten gehören Maria Sibylla Merian und Georg Dionysius Ehret. Originale der beiden habe ich in London gesehen.“

Perfekt: eine Tulpe.

Das Merkmal botanischer Aquarellmalerei ist der weiße Grund und die korrekte Wiedergabe der Pflanze, möglichst in Originalgröße. „Das ist ein sehr langsamer und konzentrierter Prozess“, erklärt die Malerin. „Der erfordert eine hohe Sensibilität gegenüber Pflanzen und Farben.“ Das botanische Aquarell unterscheidet sich grundlegend von der Landschaftsmalerei. In der freien Natur mit Staffelei wird man Nortrud McLellan nicht antreffen. Denn um die notwendige Ruhe für ihre Gemälde zu finden, nimmt sie die Pflanzen mit ins Haus oder verwendet Fotos. Dabei ist ein Foto niemals so genau wie die Malerei: „Auf einem Photo kann ich bei einem Tier kaum die einzelnen Haare oder Federn erkennen“, erklärt die Künstlerin. „Aber mit meinen feinen Pinseln kann ich jedes einzelne Haar wiedergeben.“

Eine kleine Auswahl an Pflanzen wartet immer aufs portraitieren.

Nortrud McLellan liebt es Pflanzen, Tiere und Gärten zu malen. „Manchmal ist es schwierig, eine Pflanze genau in einem Stadium wiederzugeben“, erklärt sie. „Die Pflanze verändert sich ja ständig.“ Aber das betrachtet sie als Herausforderung.

Trotzdem versichert die Künstlerin, die auch Kurse gibt, dass man diese Art der Malerei problemlos erlernen kann: „Wichtig ist nur die genaue Beobachtung und die Geduld. Bei der botanischen Malerei wird Schicht auf Schicht aufgetragen. Von der hellsten Farbe bis zur dunkelsten. Dadurch entsteht die Dreidimensionalität.“

Wirklich kein Photo!

In der Tat, schaut man nur flüchtig auf ihre Bilder, glaubt man eine sehr lebendige Photographie zu sehen. Die Pflanzen scheinen aus dem Papier zu wachsen und die Gärten wirken wie echte kleine Miniatur-Anlagen.

Es lebt auf dem Bild!

Schon als Kind hat Nortrud McLellan leidenschaftlich gern gemalt – und auch gegärtnert. „Ich komme vom Land und hatte meinen eigenen kleinen Garten, in dem ich experimentieren durfte“, erzählt die heute 58-Jährige. „Mich haben die Pflanzen schon als Kind fasziniert. Und ich habe mir ihren Aufbau damals schon im Detail angesehen.“ Den scharfen Blick für die Details hat sie sich nicht nur bewahrt, sondern auch perfektioniert.

Ruth Hoffmann (Text)

Nortrud McLellan (Pflanzen- und Tierphotos)

repor-tal (Fotos)

Informationen für Workshop-Interessenten unter an.mclellan@unitybox.de

 

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