„Auf den Schwachsinn!“

Fünf Akteure in Hochform (v.l.n.r.): Nora Rebecca Wolff, Svea Meiken Auerbach, Simon Elias, Erik Rossbander und Timm Lee

Wie bekommt man das Widerspenstige Käthchen in das 21. Jahrhundert? So sehr sich das Publikum auch über die Unterdrückung der Frau bei Shakespeare oder in Cole Porters Musical amüsiert, geht es in dem Stück doch um ein No-go der heutigen Zeit. Anne Tyler hat das Werk des ‚ollen‘ Shakespeare neu erzählt und die bremer shakespeare company fordert ihr Publikum mit ihrer Bühnenfassung heraus.

Das Leben könnte so einfach sein, wenn die Familie nicht wär…

Mingle-Mangle ist die Devise der bremer shakespeare company (bsc). Das Gedicht des Zeitgenossen Shakespeares John Lyly sagt unter anderem „Die Zeiten haben die Geister verdreht, die Geister die Sachen…“ Danach handelt die Company in ihren Stücken und extrem in Die Widerspenstige. Während beim Shakespeare’schen Original-Stück besonders die Frauen ihren Spaß haben, schauen sie bei der Neu-Auflage von Anne Tyler Die störrische Braut doch etwas betroffen drein.

Dachten wir Frauen, wir seien emanzipiert? Reicht die Verunstaltung von Texten durch lästige Genderei aus? Oder unterwerfen wir uns doch nach wir vor gerne dem männlichen Prinzip?

Hochzeit: Ja oder doch lieber nicht

Svea Meiken Auerbach, die hauptsächlich Kate/Katharina darstellt, ist eigentlich zunächst alles andere als widerspenstig. Unzufrieden mit ihrem Leben ja, aber widerspenstig nein. Die intelligente Frau hat sich dem Leben gefügt und unterwirft sich dem Hausfrauendiktat: da ist ihr Vater (Erik Rossbander), besessen von seinen Versuchen mit Labormäusen, ihre Schwester, ein Teenager auf dem Veganismus-Trip – und Pjotr, ein Kollege ihres Vaters, den dieser für seine Forscherkarriere braucht. Um ihm einen Aufenthalts-Status zu verschaffen, will der Vater, dass Kate ihn zum Schein heiratet. Damit ist die Konstellation im 21. Jahrhundert angekommen.

Na dann: „Auf den Schwachsinn!“

Es gibt viel zu entdecken in Die Widerspenstige sehr frei nach William Shakespeare. Immer wieder wird das Bühnenspiel von surrealen Sequenzen unterbrochen, die in die Welt(-Ordnung) des William Shakespeare zurückspringen. Da wechseln Kate und Pjotr schon mal die Rollen: Svea Meiken Auerbach schlüpft in die Haut des Pjotr/Petruchio und Tim Lee wird zum verängstigten Käthchen. Zeitlupen-Bewegungen und Musik holen die Zuschauer in eine Labor-Welt, in der die Charaktere beobachtet werden wie Labor-Mäuse. Eddie/Gremio und Bibi/Bianca verwandeln sich dann in Kampfmäuse. Köstlich das Spiel von Simon Elias und Nora Rebecca Wolff, wenn sie sich für eine vegane Lebensweise einsetzen. Bei der Ernährung dürfen Tiere nicht „ausgebeutet“ werden. Auch Battista hat seine Ernährungs-Macke: er leidet unter Orthorexia nervosa, der krankhaften Auseinandersetzung mit der gesunden Ernährung. Streng achtet er drauf wieviel Vitamine, Kalorien etc. jedes Familienmitglied braucht. Geschmack ist egal, man ernährt sich von „fleischlosem Fleischpapp“, was die Truppe auch zum Vergnügen des Publikums vorführt.

Veganer Aktionismus

Und das Experiment mit den menschlichen Labormäusen führt jetzt zu einem anderen Resultat als zu Shakespeares Zeiten. Katharina lässt sich zwar überreden, dem Vater und Schein-Ehemann nachzugeben, doch als ihre Hilfsbereitschaft sich als sinnlos erweist, erfindet sie sich neu. Den berühmten Schlussmonolog über die Pflicht und Schuldigkeit der Frau gegenüber dem Mann sprich nun die kleine Schwester, die sowieso voll Hingabe die Parolen ihres Lovers (Gremio) nachplappert, der radikalen Veganismus predigt und dessen militanten ‚Tierschutz‘-Aktionen auch die Labormäuse nicht entgehen.

Katharina, die selbstbewusste und selbständige Frau, hat für diese abgedroschene Moralpredigt nur ein ironisches „Shakespeare – toll!“ und „Auf den Schwachsinn!“übrig.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, Fotos christoph Krey

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.shakespeare-company.com

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