Die Leisestärke der Liebe

Pavel Serbin, Olga Watts, Valer Sabadus und Axel Wolf (v.l.n.r.) © Christine Schneider
Pavel Serbin, Olga Watts, Valer Sabadus und Axel Wolf (v.l.n.r.) © Christine Schneider

Laut ist out. Es haben bloß noch nicht viele gemerkt, und die meisten werden es vielleicht nie mitkriegen, weil ihre Ohren schon von der akustischen Umweltverschmutzung verstopft sind. Doch es gibt ein paar Spitzen-Musiker, die einem aufnahmebereiten Publikum den Kosmos der leisen Töne wieder erschließen können. Vier von den Besten haben ein Konzert im Rahmen des Shakespeare-Festivals im Globe Neuss gegeben.

Das Gesangsfach des Kontratenors ist an sich schon exotisch. Zwar haben auch Rock-Röhren wie Ian Gillian von ‚Deep Purple‘ die Kopfstimme eingesetzt, um ganz große Gefühle zu transportieren, aber fast immer bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus verstärkt. Der gerade mal 30-jährige Valer Sabadus geht in die Gegenrichtung. Seine Stärke ist, die schwer zu beherrschende Tonlage, bei der die Grundschwingung der Stimmbänder unterdrückt wird wie beim Flageolettspiel der Streichinstrumente, mit all der Poesie aufzuladen, die eine großartige Interpretation über eine bloße Reproduktion weit hinaus hebt.

Sabadus hat dabei drei ebenbürtige Kollegen. Pavel Serbin (Jg. 1978) hat sich auf die Gambe und das noch selten gehörte Barock-Cello spezialisiert. Es unterscheidet sich eher innerlich vom Standard-Typ, dessen Konstruktion vor allem auf klangstarke und gleichmäßige Intonation ausgerichtet ist, also die Anforderungen der Symphonie-Orchester, die großen Säle aus dem Graben heraus beschallen müssen.

Das Barock-Cello spielt seine Stärken im leisen Kontext aus. Je nach Griff- und Bogentechnik kann es im Spektrum der Obertöne vielerlei Klangfarben erzeugen. Im Zusammenspiel mit der hohen Singstimme kommt ein ungewöhnliches Hörerlebnis zustande.

Dass die Klänge aus der späten Renaissance und dem frühen Barock auch recht funkeln, dafür sorgen der Lautenist Axel Wolf und Olga Watts am Cembalo mit ihren brillant gezupften ‚Perlenteppichen‘. Auch diese Instrumente unterscheiden sich von ihnen modernen Nachfolgern vor allem durch ihre akustische Zurückhaltung – eine Haltung, die derjenigen angemessen ist, welche in der Poesie der Liebeslieder von Dowland, Matteis und Purcell zum Ausdruck kommt. Ich möchte von ‚Leisestärke‘ sprechen.

ler Sabadus © Foto Henning Ross / Sony Classical
Valer Sabadus © Foto Henning Ross / Sony Classical

Den gefühlten Höhepunkt hatte sich Sabadus mit seinem Ensemble für die Zugabe aufgehoben: Caccinis ‚Amarilli mia bella‘, ein Madrigal für einen Sänger, das seit mehr als 400 Jahren immer wieder Interpreten, Bearbeiter und Publikum fasziniert. Wer Sabadus und seinen Begleitern zugehört hat, begreift warum.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.dewww.valer-sabadus.de

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