Damit Pinas Werk weiter lebt

Einige Jahre vor ihrem Tod hatte die Choreographin Pina Bausch selbst die Idee zu einer Stiftung, die ihren künstlerischen Nachlasses systematisch sortieren und in einem Archiv erhalten sollte. Es kam nicht dazu. Erst nach ihrem Tod, im September 2009, gründeten ihr Lebensgefährte, der chilenische Schriftsteller und Universitätsprofessor Ronald Kay, und ihr gemeinsamer Sohn Salomon Bausch die Pina-Bausch-Stiftung in Wuppertal.

Salomon Bausch

Anderthalb Jahre nach der Stiftungsgründung liegt der erste Arbeitsbericht vor. 46 Stücke hat Pina Bausch in Wuppertal geschaffen. Diese Stücke haben Spuren hinterlassen, wie Sohn Salomon sagt: „Spuren, die sich in den Herzen und Erinnerungen vieler Menschen finden, aber auch in unzähligen physischen Materialien. Diese Materialien dokumentieren nicht nur die Arbeit meiner Mutter – sie sind die Voraussetzung, um die Stücke zu pflegen.“

Die Aufgabe, das künstlerische Vermächtnis der Choreographin zu sichern und zu bewahren, ist nicht in einigem Monaten zu bewältigen. Eine Datenbank soll angelegt werden, die unter anderem auch die Video-Dokumentationen enthält. Dazu müssen rund 7.500 Videobänder digitalisiert werden.

Die Tänzerinnen Jo Ann Endicott, Barbara Kaufmann und Bénédicte Billiet arbeiten seit 2007 daran, die vielen Videoaufnahmen von Aufführungen und Proben zu sichten und zu katalogisieren. Jede einzelne Tanzsequenz wird akribisch erfasst.

Digitalisierung bzw. Restauration historischer open-reel Bänder aus den 70er Jahren

„Pflege und Gebrauch eines Archivs gehörten daher von Anfang an zur Arbeit meiner Mutter. Seit einigen Jahren verfolgte sie mit mehreren Tänzern und Mitarbeitern die systematische Erschließung des gewachsenen Bestandes, insbesondere der vielen tausend Videoaufzeichnungen“, erklärt Salomon Bausch. „Sie legte genau fest, was alles in das Archiv gehört, und welche Struktur es haben soll. Und so versteht es sich von selbst, dass sich die Pina Bausch Foundation der weiteren Arbeit am Archiv verschrieben hat. Das Wissen und die Erfahrungen der Tänzer und Mitarbeiter des Tanztheater Wuppertal sind dabei unverzichtbar für uns.“

Wie wollte Pina Bausch ihr Archiv?

Doch die Erfassung zeigt sich als vielschichtig. Was soll wie eingeordnet werden? Ist eine klare Zuordnung überhaupt möglich ohne die Bestimmung der Künstlerin? Mit der Systematik des Nachlasses haben sich auch viele Fragen eröffnet. Diesen Fragen stellt sich die Pina Bausch Foundation in ihrem ersten Arbeitsbericht, unabhängig vom Beginn der Archivierung.

Einleitend kommt Elisabeth Aldrich, Tanzkuratorin der Washingtoner Library of Congress, auf die Wichtigkeit der ‚Dokumentation von Tanz’ zu sprechen, und Sharon Lehner, Archivleiterin der Brooklyn Academy of Music in New York, berichtet über die ersten gemeinsamen Bestandsaufnahmen der vorhandenen Materialschichten, wie zum Beispiel Videos, Photos, Bildnegative, Programmhefte, Regiebücher, Kostüme, Bühnenbilder, persönliche Aufzeichnungen und mehr und die damit verbundenen Archivierungsanforderungen.

Es werden Beispiele der praktischen Archivarbeit vorgestellt, zum Beispiel wie tausende Kostüme photographisch erfasst werden, wie bei der Dokumentation der Bühnenbilder unter und auf die Kulissen geschaut wird oder wie die Auswertung von Vorstellungsvideos abläuft, und es wird auch darüber berichtet, welche Schwierigkeiten die verschiedenen Prozesse aufwerfen. Zur Realisierung dieser Herausforderung konnte die Pina Bausch Foundation das Institut für Kommunikation und Medien (IKuM) an der Hochschule Darmstadt als Partner gewinnen.

Momentaufnahme des Projekts "7x7x7" bei dem sieben Mitglieder des Tanztheater Wuppertal, jeweils sieben Minuten lang, sieben Zuschauern Rede und Antwort gestanden haben.

Daneben beschreibt die Stiftung, wie das Tanztheater Wuppertal mit dem Archivbestand im Alltag arbeitet, zum Beispiel wie Videoaufzeichnungen eines Stückes der Kompanie dabei helfen, sich an Erfahrungen, Bewegungsabläufe und Stimmungen zu erinnern, und wie es dank dieser Praxis des Sich-Erinnerns innerhalb des Tanztheaters Wuppertal möglich ist, Stücke, die viele Jahre nicht mehr auf der Bühne zu sehen waren, wieder ins aktive Repertoire zu nehmen.

„Dass fast alle 46 Stücke, die in Wuppertal kreiert wurden, bis heute im Repertoire der Kompanie sind, ist kaum sicherlich einzigartig“, sagt Salomon Bausch. „Das Wissen, das dem zugrunde liegt, ist hoch komplex und sehr umfangreich.“

Jeder, der später einmal in dem Archiv mit einer speziellen Frage auf die Suche gehen wird, zum Beispiel ein Wissenschaftler, ein Kind, ein Tänzer oder ein Journalist, kann dann seinen ganz individuellen Weg durch die Materialfülle finden. Doch sein größtes Glück nennt Salomon Bausch, dass die Stücke weiter auf der Bühne leben: „Die Liebe und Kraft, mit der das Tanztheater Wuppertal dies immer wieder vollbringt, gibt mir Mut für die Zukunft. Denn nur auf der Bühne finden die Stücke zu ihrer Existenz.“

repor-tal (Text)

Pina Bausch Foundation (Photos)

Informationen: www.pina-bausch.de

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