Goldene Nase
kann ins Auge gehen

Jedes Jahr auf der Konsumgütermesse ‚Ambiente’ in Frankfurt verleiht die Aktion Plagiarius ihren Negativpreis an Hersteller und Händler besonders dreister Nachahmungen. Ihr Ziel: skrupellose Geschäftspraktiken von Plagiatoren zu brandmarken, die geistiges Eigentum klauen und als eigene kreative Leistung ausgeben, und die Öffentlichkeit für die Problematik zu sensibilisieren.

 

Die Trophäe: ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase, das Symbol für die goldene Nase, die sich die Trittbrettfahrer unlauter auf Kosten innovativer Unternehmen verdienen. Dabei ist nebensächlich, ob die jeweilige Nachahmung im juristischen Sinne erlaubt ist oder nicht. „Die Aktion Plagiarius kann und darf kein Recht sprechen. Wir können aber auf Unrecht aufmerksam machen und als ‚Sprachrohr‘ der vielen von Nachahmungen betroffenen Unternehmen agieren“, so Professor Rido Busse, Initiator des Plagiarius.

Aus 26 Einsendungen wurden drei Preisträger ermittelt und sieben gleichrangige Auszeichnungen verliehen, im einzelnen unter diesem Artikel aufgeführt.

Der gefürchtete Plagiarius

In der Entwicklung neuer Produkte steckt viel Know-how, Erfahrung und Herzblut. Trendige Designs und technische Lösungen, die die Welt bereichern, vereinfachen oder sicherer machen erfordern Forschungs- und Entwicklungsprozesse, die zeit- und kostenintensiv sind. So sorgen die Unternehmen nicht nur für Fortschritt und Wachstum, sie tragen auch die unternehmerische Verantwortung für sichere Arbeitsplätze.

Die Nachahmer hingegen machen es sich leicht: Sie kopieren plump 1:1 das fertige Endprodukt. Mithilfe modernster Techniken und zunehmender Erfahrung sind sie heute in der Lage, Plagiate der unterschiedlichsten Preis- und Qualitätsabstufungen herzustellen.

Eine Vielzahl von Billigimitaten zeichnet sich durch minderwertige Materialien, schlechte Verarbeitung sowie fehlende Qualitäts- und Sicherheitskontrollen aus. Die Billigkopien entstehen oft unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, wie etwa Kinderarbeit, massiven Überstunden, schlechter Bezahlung, ohne Schutz vor unsicheren Maschinen oder gesundheitsschädigenden Farben und Substanzen.

Fakt ist, der wirtschaftliche Schaden durch Plagiate und Fälschungen ist für kleine und mittelständische Firmen teils sogar existenzgefährdend: Angefangen von Umsatzrückgängen und dem Verlust von Marktanteilen über unberechtigte Produkthaftungsklagen bis hin zum Abbau von Arbeitsplätzen.

Rido Busse mit dem Negativ-Preis

Allein im Jahr 2010 haben europäische Zollbeamte an den EU-Außengrenzen mehr als 103 Millionen schutzrechtsverletzende Waren beschlagnahmt. Der Wert dieser nachgeahmten Waren wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt. Knapp 85 Prozent hatten ihren Ursprung in China. Indien ist Spitzenreiter bei gefälschten Medikamenten und die Türkei bei Lebensmitteln und Getränken. Plagiate und Fälschungen werden aber nachweislich auch in Europa und anderen Industrienationen in großen Mengen hergestellt, von Billig-Discountern importiert oder sogar gezielt in Auftrag gegeben.

Im Postverkehr hat sich die Anzahl der Aufgriffe mehr als verdreifacht. Ursache ist die rasant wachsende Zahl der Online-Käufe.

Internet und Globalisierung bieten Fälscherbanden über weltweite Netzwerke immer professionellere Möglichkeiten. Die Fälscher handeln rein profitorientiert und setzen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und der Verbraucher aufs Spiel. Gefälschte Medikamente zum Beispiel sind falsch dosiert, verunreinigt oder enthalten gar keine Wirkstoffe. Kinderspielzeug enthält oft zu viel Weichmacher oder besteht aus verschluckbaren Kleinteilen. Elektronische Geräte oder Automobilzubehör können einen Kurzschluss verursachen. Standard-Belastungstests durch den TÜV Nord haben beispielsweise gezeigt, dass die gefälschten Autofelgen, die in diesem Jahr den 1. Plagiarius-Preis erhielten, bereits nach kurzer Zeit Risse aufwiesen, auseinander brachen und so ein nicht kalkulierbares Sicherheitsrisiko darstellen.

Verbraucher sollten insbesondere im Internet Anbieter und Produkte genau prüfen. Auch weil sie mit dem bewussten Erwerb von Fälschungen unmittelbar in Kinderarbeit investieren und oft sogar organisierte Kriminalität unterstützen. Weil Märkte von Angebot und Nachfrage unterliegen, trägt jeder Konsument eine erhebliche Mitverantwortung für Erfolg oder Misserfolg von Piraterieware.

Der aktuelle Erfolg von Plagiaten und Fälschungen ist auch darauf zurückzuführen, dass viele Verbraucher Marken- und Schnäppchenjäger sind. Sie wollen Original-Label, technische Highlights und schönes Design, sind aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Um die Verbraucher als Mitstreiter im Kampf gegen Nachahmungen zu gewinnen, müssen die Originalhersteller sie davon überzeugen, dass der vermeintlich hohe Preis des Originals weder Willkür noch Wucher darstellt, sondern den Wert für tatsächlich erbrachte Leistungen und Investitionen.

Eine verblüffende und sehr lehrreiche Sammlung von Nachahmungen bietet sowohl für betroffene Unternehmer als auch für Konsumenten das Museum Plagiarius in Solingen. Die Gegenüberstellung von mehr als 350 Originalen und Plagiaten der unterschiedlichsten Branchen öffnet den Besuchern die Augen in Bezug auf Ausmaß, Schäden und Gefahren. In Führungen werden wichtige Informationen vermittelt. Der nächste Aktionstag für Verbraucher ist für den 22. April 2012 geplant.

repor-tal (Text)

Aktion Plagiarius e.V. (Photos)

Informationen: www.plagiarius.com

1. Preis
Leichtbau-Schmiedefelge ‚AC SchnitzerTyp V’

Original (links):  AC Schnitzer automobile Technik, Aachen
Fälschung:  Vertrieb: rimlux GmbH, Essen

 

2. Preis
Salatschneider ‚Salad Chef’
Original (links):  Genius GmbH, Limburg
Fälschung:  Ninghai Xidian Jianfeng Plastics Mould Factory, Zhejiang, VR China

 

 

3. Preis
Nebelgerät zur Moskito- und Schädlingsbekämpfung ‚Swingfog SN 50’
Original (oben):  Swingtec GmbH, Isny
Plagiat:  Shenzhen Send-Tech Co., Ltd., Shenzhen, VR China

 

 

Auszeichnungen:

Tischventilator ‚Dyson Air Multiplier AM01’
Original (links):  Dyson Ltd., Malmesbury, Großbritannien / Dyson GmbH, Köln
Plagiat:  Herstellung: VR China
Vertrieb: Deutschland und Österreich

 

Knoblauchreibe ‚The GarlicTwist GT2’
Original (links):  NexTrend Products, Kalifornien, U.S.A.
Plagiat:  Mascot Europe B.V., Niederlande

 

Matratze ‚Phaeton’ (7-Zonen-1000-Federn-Taschenfederkern)
Original (oben):  Panther Deutschland GmbH, Düsseldorf
Plagiat:  Hukla Matratzen GmbH, Gengenbach

 

 

 

Küchenschneidegerät ‚swizzzProzzz sP20’
Original (links):  swizzzProzzz AG, Beckenried, Schweiz
Fälschung:  Vertrieb: Ningbo Well Rich Imp. & Exp. Co., Ltd., Ningbo, VR China

 

Druckmessgerät ‚tecsis Manometer 1453/1454 shock proof’
Original (links):  tecsis GmbH, Offenbach
Fälschung:  Vertrieb: Suzhou LINK Automatic Instrumentation Co., Ltd., Suzhou, VR China

 

 

Faltgelenk für LKW-Schiebeverdecke der Marke ‚Edscha Trailer Systems’
Original (links):  VBGGROUP Truck Equipment GmbH, Krefeld
Plagiat:  Herstellung: VR China, Vertrieb: C.F. Berg Otomotiv Ltd. Sti, Istanbul

 

3-D Konstruktions-Spielzeug ‚LaQ Mini Kit Shark’
Original (links):  YOSHIRITSU Co., Ltd., Tokio, Japan
Plagiat:  Qiaoyang Toys, VR China

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