Der Reiz der vielen Richtungen

Jede Geschichte hat, soviel ist klar, einen Anfang und ein Ende – mindestens. Es können aber auch mehrere von beiden sein. Autoren haben da schon verschiedenes versucht, aber mir ist noch keine so genial konstruierte Doppel-Handlung begegnet wie ‚Die Leinwand‘ von Benjamin Stein.

Vermutlich kommt man auf ein erste idee, wenn man eine jüdische Bildung bekommt; denn hebräische Bücher laufen wie die hebräische Schrift in umgelehrter Richtung. Man nimmt sie also beim Aufschlagen andersherum in die Hand.

Die Leinwand ist aber auf Deutsch. Stein löst das Problem, indem er die Hälfte des Buches umgekehrt setzt, also auf dem Kopf. Folglich hat der Band zwei Vorderseiten, zwei Titelblätter, keine Rückseite, und zwei Anhänge, die sich in der Mitte begegnen.

Man kann sich einen Anfang frei aussuchen und die beiden Erzählstränge nacheinander lesen, erst einen, dann den anderen, jeweils bis zur Mitte des Bandes. Das sind aber nur zwei von vielen Möglichkeiten.

Der Autor selbst schreibt: Um einem der Nebenpfade zu folgen, wenden Sie einfach nach jedem Kapitel das Buch und lesen Sie im anderen Strang weiter, wo Sie zuvor unterbrochen haben. Sie können sich jedoch auch Ihren ganz eigenen Weg suchen.

Faszinierend an diesem meisterhaft konstruierten Experiment ist, dass es sich spannend wie ein Thriller liest. Und wenn man es auf die eine oder andere Weise gelesen hat, beschert es einem noch den Bonus, es mindestens ein weiteres Mal auf andere Weise lesen zu können, jedes Mal mit frischer Neugier, welcher ‚Plot‘ dabei herauskommt. 

Die Leinwand ist auf diese Weise eine spielerische Einführung in die Art und Weise, wie jüdische Gelehrte seit Jahrhunderten durch den Talmud ‚mäandern‘. Der Leinwand-Leser kommt unmerklich auf den Geschmack, wie es ist, wenn sich eine halachische Frage entfaltet – mit andere Worten: wie sich das Denken von den unbewussten Scheuklappen befreit und lernt, ein Maximum möglicher Richtungen zu erkennen; denn das ist die Voraussetzung für jede wirklich autonome und emanzipierte Entscheidung.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Informationen: 

Benjamin Stein: Die Leinwand
Verlag C.H.Beck, München, ca. 416 Seiten, gebunden
Preis 19,95 Euro
ISBN 978 3 406 59841 8

www.beck.de

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *