Norwegen am 17. Mai – die ‚Russen‘ sind los!

Überall wird auf den Straßen am 17. Mai getanzt.
Überall wird auf den Straßen am 17. Mai getanzt.

Nationalfeiertag ist ein Wort, dass von den meisten Deutschen mit einem arbeitsfreien Tag verbunden wird. Ganz anders bei unseren nordeuropäischen Nachbarn, den Norwegern. Der 17. Mai bedeutet für die westlichen Skandinavier eine Präsentation ihrer Traditionen in aller Welt.

Jung und alt nehmen an den Umzügen teil.
Jung und alt nehmen an den Umzügen teil.

Am 17. Mai 1814 wurde die norwegische Verfassung beschlossen. Die folgenden zehn Jahre galt das noch nicht als denkwürdiges Ereignis. 1824 dann wurde in Trondheim zum ersten Mal aus diesem Anlass ein Festtag begangen. Doch das alles war dem damaligen schwedischen König Karl Johann, der in diesen Jahren auch Norwegen regierte, nicht geheuer. Kurzerhand verbot er weitere Festivitäten, was die Norweger allerdings nicht wirklich hinderte zu feiern. Das norwegische Parlament, das Storting, organisierte erst im Jahr 1836 die erste landesweite Verfassungsfeier. Seitdem gilt der 17. Mai als Nationalfeiertag, obwohl die Unabhängigkeit von Schweden erst am 13. August 1905 erreicht wurde.

Die Trachten sind echte Handarbeit und wirkliche Kunstwerke.
Die Trachten sind echte Handarbeit und wirkliche Kunstwerke.

Den 17. Mai feiern die Norweger nicht nur im eigenen Land, sondern überall auf der Welt, wo Norweger leben, und es gibt sie in fast jedem Land der Erde. Die Menschen kleiden sich festlich. Besonders reizvoll ist das farbenprächtige Bild der Trachten, denn jede Region, jeder Ort im Land hat eine eigene, genau festgelegte Bunad (gesprochen: Bünad). Die meisten dieser Trachten sind erst vor rund hundert Jahren entworfen worden, beruhen aber auf regionalen Volkstrachten. Dazu gehört ein filigran geschmiedeter Silberschmuck. „Eine Original-Bunad kauft man nicht im Geschäft“, verrät uns die Norwegerin Cecile. „Man näht sie selbst.“ Das ist nicht nur aufwendig, sondern auch teuer. Denn neben den besonders gewebten Stoffen werden zum Beispiel nur echte Silberknöpfe verwendet.

Wir feiern in Moss, einer Stadt mit gut 30.000 Einwohnern, etwas 60 Kilometer südlich von Oslo, direkt am Oslo-Fjord gelegen. An jedem Haus, an jedem Kinderwagen wird die norwegische Flagge gezeigt. Wo ein Flaggenmast steht, marschiert eine Blaskapelle auf, und einer der örtlichen Honoratioren hisst die Flagge unter dem Applaus der Umstehenden. Anschließend strömen alle in die Innenstadt, um die Parade zu sehen.

Die Pavlova - einfach lecker!
Die Pavlova – einfach lecker!

Sogar der nachmittägliche Kuchen leuchtet in den Nationalfarben: rot, blau und weiß. Unsere norwegischen Freunde Cecile und Kjetil bevorzugen eine ‚Pavlova-Torte‘, eine Spezialität von Kjetil: weißes Baiser, Sahne, Blaubeeren und rote Erd- und Himbeeren, zusammen ein süßer Traum.

Das Fernsehen überträg der ganzen Tag lang die Parade aus den verschiedenen Regionen des Landes, angefangen von der offiziellen Eröffnung der Badesaison an der Westküste – der Atlantik ist nicht nur zu dieser Jahreszeit nicht besonders warm – bis zu den Feiern, die im hohen Norden noch im Schnee stattfinden. Immer wieder werden kurze Reportagen eingestreut, die rund um den Globus aufgenommen wurden: Man sieht Norweger in ihren Trachten im Londoner Hyde-Park spazieren oder bei ihren Paraden in Afrika, Indien oder Australien. Die 5,2 Millionen Norweger stellen am 17. Mai den bemerkenswertesten Teil der Weltbevölkerung.

Auch in Moss trifft man sich mit Familien und Freunden. Die Restaurants und Cafés sind ausgebucht, überall nur fröhliche Gesichter. Und auch ausländische Gäste werden in die Feierlichkeiten herzlich aufgenommen und eingebunden. Es gibt niemanden, der an diesem Tag nicht unterwegs ist und fröhlich feiert.

Alle schwenken die norwegische Flagge!
Alle schwenken die norwegische Flagge!

Bei den Umzügen und Paraden sind von Musikkapellen, Vereine und vor allem Schulen beteiligt. Groß und Klein schwingt die Nationalflagge, rot mit einem dunkelblauen skandinavischen Kreuz auf weißem Untergrund.

Aber nicht nur die Kinder sind dabei, sondern auch die ‚Russen‘. Nein, nicht eine Abordnung von Putin; norwegische ‚Russe‘ (gesprochen: ‚Rüsse‘) sind die Schulabgänger, die nach 13 Schuljahren ihren Abschluss feiern, traditionell auch am Nationalfeiertag. Sie paradieren nach den offiziellen Umzügen in einem eigenen Festzug durch die Städte, der an die ‚Love-Parade‘ erinnert.


Dabei treiben sie viel Schabernack. Wer nicht in Deckung geht, kann schon mal eine Ladung Wasser aus einer Wasserpistole abbekommen. Je nach Schulabschluss tragen sie rote oder blaue Overalls und Latzhosen, die ‚rodruss‘, das sind die Gymnasiasten, und die ‚blåruss‘, die Handelsgymnasiasten. Schon in der Nacht vor dem 17. Mai sind sie mit ihren ‚russbus‘ (gesprochen: Rüssbüs) unterwegs. Laute Musik weckt die Bewohner der Straßen, durch sie feiernd fahren. Das gehört zum Ritual. Zwei bis drei Wochen dauert das Tohuwabohu, das sie veranstalten. Die ‚russtid‘ gilt als eine unbeschwerte Zeit, bevor die jungen Leute einen neuen Lebensabschnitt beginnen.

In Deutschland finden öffentliche Veranstaltungen zum norwegischen Nationalfeiertag am 17. Mai in Berlin, Hamburg und München statt.

Text: Ruth Hoffmann

Photos © repor-tal

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