Brunnen, Banker
Bier und Barock

Der Westerwald gehört nicht zu den Landschaften, die in der Welt als Deutschlands attraktivste gelten. Das mag auch daran liegen, dass dieses Mittelgebirge nicht so wild und waldreich ist wie etwa der Bayrische oder der Schwarzwald, nicht so wüst wie der Harz und nicht so lieblich wie das Rheintal. Als Skigebiet wird es von etlichen Gebirgen übertroffen, die schneesicherer sind. Kurz: Der Westerwald ist das Mauerblümchen unter den deutschen Mittelgebirgen.

Über dem Westerwald pfeift nicht nur der Wind so kalt, sondern auch die Sonne scheint oft und gerne

Vielleicht liegt es auch daran, dass er nicht, wie Nachbar Taunus, als Luxus-Wohngegend für reiche Leute gilt, die in der Großstadt ihr Geld machen. Seit die heimische Industrie, geprägt vor allem von der traditionellen Keramik-Produktion, ihre wirtschaftliche Bedeutung weitgehend verloren hat – nicht zuletzt durch den Abzug der US-Truppen – sind die Städtchen im Westerwald hauptsächlich Wohnorte von Pendlern, die zur Arbeit bis ins Rheintal, nach Bonn oder Koblenz fahren.

Wahrzeichen von Hachenburg: Schlosskirche, Linde, Löwenbrunnen

Das muss aber kein Nachteil sein, wenn man tatsächlich auf der Suche nach Erholung und Entspannung ist. Freilich haben viele Orte wenig Typisches oder Reizvolles, aber Natur und Landschaft können sich neben weit stärker frequentierten Gegenden allemal sehen lassen. Und wer obendrein ein malerisches Stadtbild sucht, der findet es in Hachenburg.

Lassen Sie sich nicht von den kitschigen Sprüchen blenden, mit denen Prospekte mehr abschrecken als werben. Zitat: „Die Perle des Westerwaldes … florierendes Kleinod mit Geschichte … das pulsierende Leben …“ blah blah.

Durchgang vom Schloss (r) zum Markt

Hachenburg braucht sich auch keineswegs das ‚Rothenburg des Westerwaldes‘ zu titulieren; es hat durchaus seinen eigenen Reiz. Und der besteht nicht nur im barocken Stadtbild, das sich vor allem rund um den Alten Markt darstellt, sondern nicht zuletzt auch darin, dass es eben nicht, wie etwa Rothenburg und andere Stars der Touristenszene, ständig vom ‚pulsierenden Leben‘ überfüllt und überlaufen ist.

Wir empfehlen motorisierten Besuchern das Parkhaus am Alexanderring. Wenn man auf der obersten Ebene parkt, kann man das hoch gelegene Zentrum der Stadt ohne zu Schnaufen erreichen. Der Fußweg zum Alten Markt führt zwischen der katholischen Kirche St. Maria Himmelfahrt und dem Gasthaus ‚Zur Krone‘ hindurch.

Haus ‚Zur Krone‘

Das Haus ‚Zur Krone‘ kann von sich behaupten, die älteste Gastwirtschaft Deutschlands zu sein. Das Gebäude heißt ‚Steinernes Haus‘; denn es war das einzige aus diesem Material und hat deshalb den verheerenden Brand der Stadt im Jahr 1654 als einziges überstanden.

Das übrige Ensemble wurde danach wieder aufgebaut, stammt also aus der Barockzeit. Im Zweiten Weltkrieg blieb Hachenburg von Bomben verschont. Die schlimmste Zerstörung richteten Hachenburger selbst an: 1938 wurde die Synagoge der jüdischen Gemeinde verwüstet. Die Hachenburger Juden mussten fliehen oder wurden umgebracht. Das Haus steht zwar noch, ist aber heute ein Ladengeschäft. Ein alter Friedhof zeugt noch von einer jüdischen Gemeinde, die erstmals schon in einer Urkunde aus dem Jahr 1349 genannt wird.

Erst 35 Jahre zuvor, Anno 1314, hatte König Ludwig IV. der Bayer (später auch Kaiser und nicht zu verwechseln mit dem bayrischen Märchenkönig Ludwig II. aus dem 19. Jahrhundert!) Hachenburg die Stadtrechte verliehen. Im Jahr 2014 sind deshalb große Festivitäten anlässlich des 800jährigen Stadtjubiläums geplant.

Der goldene Löwe

Bleiben wir noch ein bisschen auf dem Alten Markt. Zu seinen Häupten erhebt sich die evangelische Schlosskirche, die nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen ist. Mitten auf ihrer repräsentativen Vortreppe wächst eine mächtige Dorflinde im Rang eines amtlichen Naturdenkmals.

Links der Kirche erreicht man durch einen Tunnel das Barockschloss. Hier, auf dem höchsten Platz des Städtchens, können die angehenden Beamten der Deutschen Bundesbank noch in aller Ruhe Wirtschaft und Finanzwesen studieren.

Lässt man das Schloss liks liegen und geht geradeaus weiter, erreicht man das Landschaftsmuseum mit etlichen Häusern, die aus anderen Orten des Westerwaldes nach hier ‚disloziert‘ wurden. Hier kann man den Alltag der Bauern und Handwerker vor der Mitte des 20. Jahrhunderts recht hautnah erleben.

Geht man dagegen rechts um die Schlosskirche herum, kommt man durch eine putzige Fachwerk-Lädenstraße zurück zum Marktplatz. Auf den Bänken rund um den Brunnen treffen sich noch die Hachenburger zum Schwätzchen. Das Angebot an frischen Kuchen, Eis und Kaffee ist nicht überteuert. Auf dem Brunnen prangt der goldene Löwe mit dem Wappen des Adelshauses Sayn. Die Großkatze ist sonst recht lebensnah dargestellt, hat aber zwei Schwänze. Nach offiziellen Angaben soll das die Verbindung zwischen den Familien Sayn und Wittgenstein symbolisieren.

Hachenburg rühmt sich auch einer Brauerei, die als eine der ersten in Deutschland Bier nach Pilsener Brauart hergestellt habe und noch herstellt. Doch sollte, wer Hachenburg besucht, sich Marienstatt nicht entgehen lassen. Die Zisterzienser-Abtei liegt nur etwa drei Kilometer entfernt, ist ebenso alt wie die Stadt, aber noch viel ehrwürdiger, und sie lockt nicht zuletzt mit einem gemütlichen, eigenen Brauhaus.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos: © repor-tal

Informationen: www.hachenburg.de

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