Das iPad des 15. Jahrhunderts

Stundenbuch - 1 von 8Eine der berühmtesten illuminierten Handschriften des späten Mittelalters ist erstmals wieder als Ganzheit zu betrachten: Das Stundenbuch des Ètienne Chevalier. Während das Original in Teile zerlegt in verschiedenen Sammlungen verwahrt wird, hat der Verlag Müller und Schindler es als Faksimile zusammengefügt.

Für uns Zeitgenossen, die gewohnt sind, zwei Drittel der Zeit, die wir nicht schlafend verbringen, auf einen viereckigen Bildschirm zu schauen, dürfte sich die Faszination eines Bilderbuches nicht auf den ersten Blick erschließen. Nichts bewegt sich, nichts reagiert interaktiv. Man kann die Bilder bloß betrachten. Alle Assoziationen muss man selbst denken, alle ‚Apps‘ spielen im eigenen Kopf.

Stundenbuch - 7 von 8So wie unser Tageslauf von Terminen, Plänen und Programmen bestimmt ist, so war der Tag einer adligen Person des 15. Jahrhunderts vom Rhythmus der Stunden determiniert, die allerdings je nach Jahreszeit durchaus unterschiedlich lang sein konnten. Abschnitte von jeweils drei Stunden wurden nach der Tradition durch ein Gebet markiert, ursprünglich ein Psalm.

Stundenbuch - 2 von 8Später dann kamen auch eigens dafür geschriebene Gebete und Hymnen in Gebrauch, die man einem Buch entnahm, dem Stundenbuch (Horarium). Vornehme Herrschaften besaßen kostbar gemalte Exemplare. Für uns, die jeden Tag mit spektakulären Bildern bestrahlt werden, ist die Beschäftigung damit gewöhnungsbedürftig. Deswegen hat der Verlag Müller und Schindler seinem faszinierenden Faksimile eines der berühmtesten Stundenbücher einen ausführlichen Kommentarband mitgegeben, für den der Berliner Kunsthistoriker Eberhard König verantwortlich zeichnet.

Mehr noch ist bemerkenswert an dieser Edition; denn in dieser Form ist das Stundenbuch von Étienne Chevalier, dem ‚Finanzminister‘ des französischen Königs Charles VII. (1422-61) erstmals wieder komplett und im Zusammenhang zu betrachten. Das Original ist nämlich zerlegt worden, und die Teile sind heute über etliche Sammlungen verstreut.

Stundenbuch - 6 von 8Dass ihre Anordnung überhaupt rekonstruiert werden konnte, ist einem Fund zu verdanken, der 1981 erst gemacht wurde: ein Doppelblatt mit dem Text der Hymnen für die jeweiligen Anlässe machte es möglich, die Reihenfolge der Bilder zu bestimmen.

Stundenbuch - 8 von 8Die 47 Bilder (‚Miniaturen‘) bilden also einen Zusammenhang; dennoch ist jede eine Welt für sich allein. Die Fülle der Details und die akribische Genauigkeit des schon zu Lebzeiten berühmten Malers Jean Fouquet sorgen für immer neue Wahrnehmungen. Denn kein Detail ist ohne Absicht und Bedeutung. Wenn man sich, wie in der damaligen Zeit üblich, in die Bilder vertieft, beginnen sie zu leben.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Buch Contact

Informationen: www.muellerundschindler.com

Stundenbuch - 5 von 8Jean Fouquet: Das Stundenbuch des Étienne Chevalier
Die Handschrift umfasst 47 Blätter im Format zwischen 16,5 und 19,7 x 12 und 15,2 cm.
Vier bzw. drei Miniaturseiten unter einem Passepartout (Wiedergabe im heutigen Originalzustand), eine Doppelseite Text.
Schmuckkassette aus echtem Leder mit der Replik einer Münze mit dem Bildnis Jean Fouquets auf dem Vorderdeckel.
Wissenschaftlicher Kommentarband, herausgegeben von Prof. Dr. Eberhard König (FU Berlin).
Weltweit limitiert auf 1.000 nummerierte Exemplare
Preis: 4.998,- €.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.