Ganz in Weiß
mit einem Rosenstock

Durch die Bernward-Tür öffnet sich der Blick in den lichten Innenraum des neugestalteten Marien-Doms. © Manfred Zimmermann, EUROMEDIAHOUSE
Durch die Bernward-Tür öffnet sich der Blick in den lichten Innenraum des neugestalteten Marien-Doms.
© Manfred Zimmermann, Euromediahouse

Länger als viereinhalb Jahre war der Hildesheimer Dom für Gläubige und Besucher geschlossen. Jetzt ist die bis dahin größte Kirchenbaustelle Deutschlands fertiggestellt. Am 15. August 2014, dem Kirchenfest Mariä Himmelfahrt, hat das Gotteshaus seine Pforten wieder geöffnet. Was sich hinter der berühmten Bernward-Tür zeigt, kann man eine Sensation nennen.

Die Bernward-Tür gehört zu den Highlights des Marien-Domes. © Manfred Zimmermann, Euromediahouse
Die Bernward-Tür gehört zu den Highlights des Marien-Domes.
© Manfred Zimmermann, Euromediahouse

Mit seinem Krummstab klopft der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle an die Bernward-Tür im Westwerk des Hildesheimer Doms. Daraufhin öffnen sich die Türen zum feierlichen Einzug für die rund 35 Bischöfe und weiteren Geistlichen aus deutschen Diözesen. Zugleich läuten die Glocken das 1.200-jährige Jubiläum des Bistums Hildesheim ein.

Ganz in Weiß erstrahlt der romanische Innenraum vom Fußboden aus Elbsandstein bis hin zur Decke. Damit löst er sich von den historischen Ursprüngen sehr bunter romanischer Kirchen. Aber die Wirkung ist überwältigend. Die Kunstwerke und historischen Monumente treten in ihrer ganzen Pracht hervor. Der Blick kann sich ganz auf das Wesentliche konzentrieren. 385 LED-Leuchten unterstützen den lichten Charakter des Innenraumes.

Stolze fünf Tonnen wiegt der neue Altar. © bph
Stolze fünf Tonnen wiegt der neue Altar. © bph

Zum Festgottesdienst gehört die Weihe des neuen Altars durch das Hildesheimer Kirchenoberhaupt. Dieser Altar und der dazugehörige Ambo (1) aus Anröchter Dolomit (2) sind zwei der Prunkstücke, die den Blick im neuen Dom auf sich ziehen. Geschaffen hat sie der international anerkannte Künstler Ulrich Rückriem. Der Altar steht genau über dem Godehard-Schrein (3) in der Krypta.
Erarbeitet hat das Konzept das Kölner Architekturbüro Schilling Architekten mit dem Hildesheimer Domkapitel als Bauträger. Es korrigierte die ‚Bausünden‘ des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hatte man die romanischen Ursprünge der Kathedrale außer Acht gelassen.

Wieder für das Gebet zugänglich: die Laurentius-Kapelle © bph
Wieder für das Gebet zugänglich: die Laurentius-Kapelle © bph

Zum Beispiel ist die Laurentius-Kapelle, die sich bisher in der Domsakristei ‚versteckte‘, jetzt öffentlich zugänglich. Und auch die neuen gotischen Seitenkapellen wurden in die Basilika integriert, indem die Fußböden auf eine Höhe gebracht wurden.

Im weißen Umfeld erhält die bronzene Christussäule Ausruck © bph
Im weißen Umfeld erhält die bronzene Christussäule Ausruck
© bph

Auch die berühmte Bernward-Tür ist an ihren ursprünglichen Platz zurückgekehrt. Sie entstand um 1015 in der Amtszeit des Heiligen Bernward, Bischof von Hildesheim. Sie ist aus Bronze und misst in der Höhe stolze 4,72 Meter. Pro Türflügel bringt sie rund 1,85 Tonnen auf die Waage. In die doppelflügelige Tür sind 16 Bildfelder eingelassen, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament einander gegenüberstellen. Sie reichen von der Schöpfungsgeschichte bis zur Auferstehung Jesu. Auch die Christussäule stammt aus der Bernward-Zeit um das Jahr 1000. Deshalb wird sie auch Bernward-Säule genannt. Auf ihr ist das Leben Jesu in 28 Szenen mit außergewöhnlicher Lebendigkeit für die Zeit dargestellt.

Von der Apsis führt eine Linie über den Hezilo-Leuchter und das Taufbecken zur Bernward-Tür. © bph
Von der Apsis führt eine Linie über den Hezilo-Leuchter und das Taufbecken zur Bernward-Tür. © bph

In einer Flucht mit Tür und Altar entlang der Hauptachse von West nach Ost liegen das mittelalterliche Bronze-Taufbecken (4) verziert mit Bildern zum Sakrament der Taufe und der prächtige Hezilo-Leuchter (5) im Mittelschiff. Der Leuchter hat einen Durchmesser von sechs Metern und ist damit der größte erhaltene Radleuchter seiner Zeit. Zwölf Türme und Tore zieren ihn. Er versinnbildlicht das himmlische Jerusalem, das Reich Gottes. Jahrhundertelang hat der Leuchter hier gehangen und wurde nur während der Bauzeit ausgelagert. Ergänzt wird diese Achse noch durch den Thietmar-Leuchter (6) und der Irmensäule (7) im Hochchor. Der Thietmar-Leuchter ist nicht so groß wie der von Hezilo, der älteste der insgesamt vier erhaltenen Leuchter dieser Art. Die Irmensäule aus dem 11. Jahrhundert hat statt der bisher ihre Spitze krönende silberne Marienfigur aus dem 17. Jahrhundert ein neues Bergkristall-Kreuz erhalten. Sie diente früher wahrscheinlich als Träger für die Osterkerzen.

Der Tausenjährige Rosenstock umrankt die Apsis. © repor-tal
Der Tausenjährige Rosenstock umrankt die Apsis. © repor-tal

Die Sanierung betraf alles Bereiche des Domes bis hin zum Domhof. Auch der Innenhof, der Annen-Friedhof, mit dem 1.000-jährigen Rosenstock (8) wurde neu gestaltet. Durch die nun klaren Fenster der Krypta-Apsis sind die Zweige des Rosenstockes nun auch aus dem Innenraum zu sehen. Das Dom-Museum wird allerdings erst im April 2015 wieder geöffnet.

Die vorderen Zugänge zur Krypta wurden wieder freigelegt. Hier befinden sich der Godehard-Schrein (3) und das Gründungsreliquiar (9) des Bistums Hildesheim, das Gnadenbild der Muttergottes und der Zugang zur Bischofsgrablege.

Wie ein Schwalbennest an der Wand: die Hauptorgel © Manfred Zimmermann, Euromediyhouse
Wie ein Schwalbennest an der Wand: die Hauptorgel © Manfred Zimmermann, Euromediyhouse

Zu den Neuerungen gehört auch die Hauptorgel, eine sogenannte Schwalbennest-Orgel (10). Sie schwebt über der Bernward-Tür.
Neben den Neuerungen wurden auch viele weitere Kirchenschätze restauriert und erhielten einen neuen Platz im Dom, darunter die sogenannte Tintenfass-Madonna (
11), eine lebensgroße Holzstatue, die um 1430 geschaffen wurde, und heute an linken Pfeiler des Holzchores förmlich über dem Kirchenraum schwebt.

Zugang zur Krypta © bph
Zugang zur Krypta © bph

Bei dem Sanierungsarbeiten wurden auch archäologische Funde freigelegt. Man fand die ältesten Mauern des Hildesheimer Doms aus dem frühen 9. Jahrhundert. Ebenso entdeckten Forscher rund 40 Gräber aus dieser Zeit, darunter die Gräber zweier Hildesheimer Bischöfe (12), die nun in die Bischofsgrablege integriert sind, die über die Krypta zugänglich ist. Außerdem fanden Archäologen Reste des Gunthar-Domes (13) aus der Zeit um 825 und Reste der rund 1.000 Jahre alten Bernward-Mauer (14).

Der älteste Rad-Leuchter Deutschlands © bph
Der älteste Rad-Leuchter Deutschlands von Bischof Thietmar © bph

Insgesamt hat die Sanierung und Umgestaltung 37,2 Millionen Euro gekostet, von denen die Diözese 18,3 Millionen selbst getragen hat. Der Rest wurde aus öffentlichen Mitteln, Stiftungen, Hilfswerken und Spenden finanziert.

Text: repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung der Bischöflichen Pressestelle Hildesheim

Informationen: www.bistum-hildesheim.de

Adresse: Dom, Domhof, 31134 Hildesheim

Telefon: 05121 /307-770 (Dom-Information)

Plastische Szenen zieren das Taufbecken. © Manfred Zimmermann, Euromediahouse
Plastische Szenen zieren das Taufbecken.
© Manfred Zimmermann, Euromediahouse

1) Der Ambo ist das Stehpult neben dem Altar. Dort werden in der katholischen Messe die Lesungen und das Evangelium vorgetragen.

2) Anröchter Dolomit ist ein 120 Millionen Jahre alter Kalkstein. Der Altar wurde teilweise vergoldet und wiegt rund fünf Tonnen.

3) Der Godehard-Schrein wurde um 1140 gefertigt und gehört zu den ältesten erhaltenen Reliqiuenschreinen des Mittelalters. Er enthält die Reliquien des Bischofs Godehard (1022 – 1038), der 1131 heilig gesprochen wurde. Er gehört zu den bedeutenden Heiligen des Mittelalters.

4) Das Taufbecken wurde von Domprobst Wilbrand von Oldenburg-Wildeshausen (gestorben 1233) gestiftet.

Sechs Meter Durchmesser misst der Leuchter des Bischofs Hezilo © bph
Sechs Meter Durchmesser misst der Leuchter des Bischofs Hezilo © bph

5) Der Hezilo-Leuchter ist nach seinem Stifter, dem Bischof Hezilo (1054 – 1079) benannt. Er besteht aus vergoldetem Kupfer. In Deutschland sind insgesamt nur vier Radleuchter aus der Romanik erhalten: Neben dem Hezilo- und Thietmar-Leuchter in Hildesheim sind das der Barbarossa-Leuchter im Aachener Dom und der Hartwig-Leuchter in der Comburger Klosterkirche.

6) Der Thietmar-Leuchter wurde als Azelin-Leuchter bekannt. Irrtümlicherweise wurde er zunächst Bischof Azelin (1044 – 1054) zugewiesen. Nach heutigen Erkenntnissen hat aber dessen Vorgänger Thietmar (1038 – 1044) schon die Anfertigung veranlasst. Er ist wie der Hezilo-Leuchter aus vergoldetem Kupfer.

Hat die Irmensäule einen heidnischen Kern? © bph
Hat die Irmensäule einen heidnischen Kern? © bph

7) Der Name Irmensäule beruht auf einer Legende. Danach soll der Säulensockel aus einer ‚Irminsul‘ bestehen, was so viel wie ‚Große Säule‘ bedeutet. Die Irmensäule war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen. Nach der Sage soll Karl der Große (747 – 814) sie nach Hildesheim gebracht haben. Auch sie soll von Bischof Hezilo (1054 – 1079) in Auftrag gegeben sein.

8) Der Tausendjährige Rosenstock wächst im Kreuzganghof der Domanlage. Eine Untersuchung hat ergeben, dass er tatsächlich schon 800 Jahre alt ist.
Die Legende berichtet, dass Kaiser Ludwig der Fromme 815 in der Nähe von Elze (rund 18 Kilometer westlich von Hildesheim) jagte. Ein weißer Hirsch lockte Ludwig auf seine Spuren und in dichte Wälder. Ludwigs Pferd brach überanstrengt zusammen und der Kaiser sah sich allein in der Wildnis. Er nahm dass Kreuz, das er immer bei sich trug, hängte es an einen Strauch und betete. Dann schlief er ein. Als er wieder erwachte, sah er den Platz mit Schnee bedeckt, während sonst alles noch grün war. Sein Kreuz hing in den Zweigen eines blühenden Rosenstrauchs. Hieraus konnte er es nicht mehr lösen. Das sah der Kaiser als Wunder und gelobte an der Stelle eine Kapelle zu bauen. Kurz danach fanden ihn seine Jagdgefährten. Aus der damals errichteten Kapelle soll der Hildesheimer Dom entstanden sein.

Jahreszahlen im Rosenstock zeigen sein Wachstum. © repor-tal
Jahreszahlen im Rosenstock zeigen sein Wachstum. © repor-tal

Ein weiteres Wunder geschah nach einem Bombenangriff im März 1945. Der Rosenstock verbrannte, doch aus seinen Überresten sprossen neue Triebe.
Bis heute blüht der Rosenstock prächtig jedes Jahr im Mai.
Nach ihm wurde die Rose Wahrzeichen der Stadt Hildesheim.

Detail der Christussäule © bph
Detail der Christussäule © bph

9) Das Gründungsreliquiar ist mit der Legende des Rosenstockes verbunden. Die silberne Kapsel soll das Brustkreuz Ludwig des Frommen sein, das sich im Rosenstock verfangen hatte. Die Kapsel stammt aus dem 9. Jahrhundert.

Die Tintenfass-Madonna ©  bph
Die Tintenfass-Madonna © bph

10) Eine Schwalbennestorgel steht nicht nicht auf einer Empore, sondern ist an einer Kircheninnenwand in großer Höhe aufgehängt. 

11) Ihren Namen trägt die Figur, weil die Madonna ein Tintenfass in ihrer rechten Hand hält. Das Jesus-Kind hat eine Feder in der Hand und eine Pergamentrolle auf dem Arm.

12) Ebo (845 – 851) und Berthold (1119 – 1130)

13) Gunthar war der erste Bischof von Hildesheim (815 – 835). Er ließ die erste Kathedralkriche auf dem Domhügel bauen.

14) Die sogenannte Bernward-Mauer war ein Mauerring, den Bischof Bernward um den Dombezirk ziehen ließ. Er wird in das neue Dommuseum integriert (Eröffnung 2015)

 

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