Katharina die Kleine
mit der Zauberstimme

Markenzeichen von Katharina Thalbach: Mütze und Brille
Markenzeichen von Katharina Thalbach: Mütze und Brille

Die kleine Dame im grauen Kittelkleid mit der glatt anliegenden Frisur ist äußerlich das Gegenteil einer ‚imposanten Erscheinung‘. Ihre eigentümlich mädchenhafte Stimme ruft das typische Bild einer ‚lieben Omi‘ hervor. Doch Katharina Thalbach kann ganz groß werden – gruselig sogar – etwa, wenn sie die Ballade von der Tay-Bridge-Katastrophe vorträgt: „Wann treffen wir drei wieder zusamm…?“

Katharina Thalbach liest Fontanes Ballade ‚Die Brück‘ am Tay‘ im Rahmen des Neusser Shakespeare-Festivals. Fontane macht in seinem Gedicht über den Einsturz einer Brücke, der einen Zug mit 75 Menschen in die Tiefe riss, eine ‚Anleihe‘ bei Shakespeare: die drei Hexen aus dem Drama ‚Macbeth‘. ‚Die Brück‘ am Tay‘ ist deshalb enthalten in dem Buch ‚Wie Er uns gefällt‚, einem Band mit Gedichten an und auf Shakespeare, der eigens für den 450. Geburtstag des Genies zusammengestellt wurde.

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© repor-tal

Mit der ‚Brück‘ am Tay‘ versetzt die Thalbach ihre Zuhörer in schaurige Stimmung. Ihr Körper nimmt die Spannung des Gedichtes auf und überträgt sie auf das Auditorium. Doch die 1,54 Meter kleine, aber ganz große Schauspielerin geht mit jedem der Gedichte, die sie liest, anders und angemessen um. Da ist der Sarkasmus in Mirko Bonnés ‚Parkplatzkönig‘, der sich darauf bezieht, dass 2012 unter einem Parkplatz im mittel-englischen Leicester das Grab Richards III. gefunden wurde; perfekt ihr Timing beim Schlussgag in Kästners Satire ‚Hamlets Geist‘. Und wenn sie den ‚hamlet‘ von Ernst Jandl rezitiert, dann trifft sie exakt den typischen Ton des Wiener Sprach-Akrobaten. Spürbar bewegt liest sie auch ein Gedicht des Schriftstellers, Regisseurs und Lyrikers Thomas Brasch: Er war ihr Lebensgefährte.

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© repor-tal

Katharina Thalbach kontrolliert ihre Wirkung vollendet. Sie kann ebenso klein und drollig wie auch groß und mächtig wirken. Trotz ihrer nur 1,54 Meter Körpergröße zieht sie ihr Publikum sofort in den Bann. In einem Interview sagte sie einmal, sie habe als Zwölfjährige aufgehört zu wachsen, als ihre Mutter starb. Katharina wurde in eine Schauspielerfamilie hineingeboren: Ihre Mutter war Sabine Thalbach, unter anderem bekannt aus ‚Der Untertan‘, ihr Vater der Schauspieler und Regisseur Benno Besson.

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© repor-tal

Die Thalbach ist wohlvertraut mit Shakespeare. Sie hat nicht nur in vielen seiner Stücke ihre Rolle lebendig werden lassen – „Nur die Julia habe ich nie gespielt“, sagt sie frank und frei, und lacht: „Dafür ist es jetzt wohl zu spät.“ – sondern auch bei etlichen Inszenierungen selbst Regie geführt. Die Regie-Erfahrungen, sagt sie, kommen ihr heute besonders zugute bei den vielen Hörbüchern, die sie inzwischen eingespielt hat und weiter einspielt.
Übrigens hat Katharina Thalbach in diesem Jahr 2014 mit William Shakespeare etwas gemeinsam: Auch sie hat einen runden Geburtstag; sie wurde 60!

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de

 

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