Brecht die Macht
des Rechtecks!

Patrick Spottiswoode ist auf der Bühne allein. Er ist Dozent, Referent, Redner, Schauspieler und sein eigener Choreograph. Alles in allem ist seine Performance ein einziges Plädoyer für die These: Shakespeare muss leben!
Denn das Konzept von Theater, bei dem jeder Zuschauer wie für sich allein im Dunkeln sitzt und auch von den anderen im Publikum so gut wie nichts mitbekommt, ist erst in den vergangenen etwa drei Jahrhunderten entwickelt worden. Um die Fehlentwicklung komplett zu machen, sorgen seit ihrer Erfindung auch noch Batterien greller Scheinwerfer dafür, dass auch umgekehrt für die Akteure auf der Bühne das Publikum buchstäblich ‚ausgeblendet‘ wird. Damit geht aber verloren, was für Theater zu Shakespeares Zeit konstitutiv war: die Interaktion zwischen Schauspielern und Publikum und innerhalb des Publikums.

Solo für Shakespeare
© Maurice Kaufmann

In Shakespeares Theater spielte das Publikum immer mit. Im legendären ‚Globe Theatre‘ begann die Vorstellung am frühen Nachmittag bei Tageslicht. Der Raum vor der Bühne war rund und lag unter freiem Himmel. 3.000 Personen fasste das ‚Globe‘, kein Zuschauer war weiter von der Bühne weg als ein Tennis-Spieler beim Aufschlag vom Netz. Wenn eine Szene bei Nacht spielen sollte, mussten die Akteure dies durch ihre Kunst der Phantasie des Publikums vermitteln.
Wer damals ins Theater ging, suchte den Weg aus dem extrem sittenstrengen Alltag des puritanischen Zeitalters unter Elisabeth I. Das Leben jedes Einzelnen, vom Königshaus bis in die untersten Schichten der streng geteilten Klassengesellschaft war von unausweichlichen Zwängen geregelt. Das Theater war der Ort, an dem wenigstens in der Phantasie diese Zwänge für kurze Zeit überwunden werden konnten. Das Theater war anarchisch und sexy, frivol und unmoralisch, nach den herrschenden Maßstäben eine illegale Droge wie heute Cannabis.

Ein Mann, ein Stuhl – Theater!
© Christoph Krey

Shakespeare bediente das dringende Bedürfnis seines Publikums nach ein bisschen Freiheit auf verschiedenen Ebenen. Man findet durchaus die grobe Zote fürs simple Gemüt, aber auch subtile Frechheiten für den feinsinnigen und gebildeten Zuschauer. Es gab damals zum Beispiel noch keine Schauspielerinnen. Auch Frauenrollen wurden von Männern gespielt. Nun finden sich in den Stücken Beispiele, in denen diese ‚Frauen‘ sich wiederum als Männer verkleiden, und sogar solche, in denen die als Männer verkleideten Frauen (die in Wirklichkeit Männer sind) sich nochmals als Frauen maskieren, bis die Verwirrung kaum noch aufzulösen ist.

Shakespeares Theater war Kommunikation mit dem Publikum.
©Maurice Kaufmann

Ganz nebenbei vermittelt Spottiswoode, welche Bedeutung Shakespeares Arbeit für die Emanzipation des Englischen als Sprache der Bildung und Kunst hatte. So erweiterte er den englischen Wortschatz: seine Werke enthalten 17.000 verschiedene Wörter; die klassische englische King-George-Bibel hat zum Beispiel nur 7.000 (Spottiswoode: „Er kannte sogar mehr Worte als Gott!“) Während seiner Performance, die weit mehr ist als nur ein Vortrag, erfährt man buchstäblich am eigenen Leib, nämlich durch Aufstehen und Hinsetzen, wie ein jambischer Pentameter funktioniert, wie genial der Autor daraus Blankverse und Sonette aufbaut.

Patrick Spottiswoode ist die Idealbesetzung für den Job, den er selbst entwickelt hat: ‚Director of Education‘ am ‚Shakespeare’s Globe‘ in London. Wer eine Lektion mit ihm erlebt hat, wird Shakespeare (und Theater überhaupt) künftig nicht mehr bloß passiv konsumieren wollen.
Text: Jan-Peder Lödorfer

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