Die Sachsen: Was ist Sache, was Sage?

Halsschmuck aus Gold und Halbedelsteinen (Goldkette von Isenbüttel) Isenbüttel, Ldkr. Gifhorn, 7. Jh. © Landesmuseum Hannover

Wer sind die Niedersachsen? Nachfahren der ‚alten Sachsen‘, die vor über tausend Jahren gegen Karl den Großen kämpften? Ihr Name stiftet bis heute Identität, aber wer waren sie? Das Braunschweigische Landesmuseum und das Landesmuseum Hannover spüren in der Landesausstellung 2019 dem Mythos nach und erzählen die Geschichte des Landes zwischen Harz und Nordsee im 1. Jahrtausend neu.

Goldene Zwiebelknopffibel aus dem Schatzfund von Lengerich Lengerich, Ldkr. Emsland, 2. Hälfte 4. Jh. © Landesmuseum Hannover

„Die Niedersächsische Landesausstellung 2019 folgt den Spuren der Sachsen bis ins frühe Mittelalter und macht historische Ereignisse und Persönlichkeiten der Geschichte lebendig, die helfen, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Die Sachsenforschung ist heute ein europäisches Projekt,“ sagt Stephan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident und Schirmherr der Landesausstellung 2019.

Noch im 4. Jahrhundert war der Name Saxones eine Bezeichnung für Piraten und Seeräuber. Erst seit dem 6. Jahrhundert nennen historische Quellen aus dem Frankenreich auch damalige Bewohner des heutigen Niedersachsen und Westfalen Saxones, also Sachsen. Das Niedersachsenlied (1926) von Hermann Grote besagt, sie hätten ihr Land bereits gegen den römischen Feldherrn Varus im Jahr 9 n.Chr. verteidigt.

Funde aus dem »Fürstengrab II« von Marwedel Marwedel, Ldkr. Lüchow-Dannenberg, 2. Jh. © Landesmuseum Hannover

Fassbar wird ihre Identität aber erst, als sie nach fast 30 Jahren Krieg mit Karl dem Großen im 9. Jahrhundert Teil des Frankenreichs wurden und die dortige Oberschicht eigene politische Ambitionen entwickelte. Nur wenige Generationen nach Karl dem Großen bestieg mit Heinrich I. ein sächsischer Adliger den fränkischen Thron. Ihm folgte sein Sohn Kaiser Otto I., zu seiner Zeit der mächtigste Mann Europas. Im Kloster Corvey schrieb der Mönch Widukind die Geschichte der Sachsen im 10. Jahrhundert und begründete so den Mythos. Seine Erzählung fesselt bis heute und hat lange Zeit Identität gestiftet.

Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse bieten überraschend neue Perspektiven: Archäologen und Historiker haben die Geschichte des 1. bis 10. Jahrhunderts im heutigen Niedersachsen und in Westfalen grundlegend revidiert. Dem beliebten Mythos, die alten Sachsen seien die Vorfahren der heutigen Niedersachsen, stellt die Ausstellung das moderne historische Wissen über die wirkmächtige sächsische Identität des frühen Mittelalters gegenüber. Die bekannte Erzählung von der Eroberung dieser Gebiete durch den germanischen Stamm der ‚alten Sachsen‘ und die angeblich dort praktizierte frühe Demokratie entpuppten sich als romantischer Mythos, der politisch gewollt bereits im frühen Mittelalter genutzt wurde, um Herrschaftsansprüche zu rechtfertigen.

Viele hochrangige Zeugnisse des 1. Jahrtausends aus deutschen und internationalen Sammlungen in Großbritannien, Dänemark oder Frankreich bringt diese Schau erstmals zusammen. Die Ausstellung präsentiert umfangreiche Ensembles archäologischer Funde und prominente Einzelobjekte, darunter edler Schmuck und Waffen aus Gräbern, einzigartige Handschriften und königliche Urkunden. Ob wertvoller Schatzfund, prächtige Grabbeigabe oder banaler Alltagsgegenstand: Diese Zeitzeugen geben konkrete Einblicke in das Leben einer Gesellschaft im Schnittpunkt früherer europäischer Kulturräume. 

Kelvin Wilson, Foreign Bride, Illustration © Kelvin Wilson, Ridderkerk (NL)

Faszinierende Porträts und Szenen in Überlebensgröße lassen an wichtigen Momenten und Ereignissen im Leben von neun Menschen teilhaben, die damals in Niedersachsen und Westfalen lebten. Die farbenprächtigen Bilder stammen aus der Hand von Kelvin Wilson. Seine Werke sind das Ergebnis einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit der archäologisch-historischen Forschung.

Die Schau Saxones. Eine neue Geschichte der alten Sachsen ist noch bis zum 18. August 2019 zu sehen. 548 der insgesamt 850 Objekte wurden von 72 zur Verfügung gestellt.

Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Unterstützung seitens des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, der Stiftung Niedersachsen, der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz sowie der Richard Borek Stiftung. 

Text: Landesmuseum Hannover / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung des Landesmuseums Hannover

Informationen: www.landesmuseum-hannover.de

Anschrift: Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5, 30169 Hannover

Telefon: 0511 / 98 07 – 686

Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10-17 Uhr, samstags und sonntags 10-18 Uhr

Eintritt: 10 Euro

Katalog:
Ludowici, Babette (Hrsg.): , 
wbg Theiss, 2019, 376 Seiten, Hardcover
35 Euro
ISBN: 978-3-8062-4005-4

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