Hamlet in Krimi-Kürze

Gertrude (Kelly Hunter, r.) versucht Ophelia (Francesca Zoutewelle)  zu trösten. © Dawid Linkowski
Gertrude (Kelly Hunter, r.) versucht Ophelia (Francesca Zoutewelle) zu trösten. © Dawid Linkowski

„The rest is silence“ – damit endet Shakespeares ‚Hamlet‘ – und das Publikum im Neusser ‚Globe‘ bricht in donnernden Applaus aus: Das englische Flute Theatre hat das riesige Drama um Rache und Wahn geschickt komprimiert, dass es auch das Publikum packt. Mark Arends als Hamlet hält die Spannung nicht nur von der ersten Szene bis zum blutigen Schluss, sondern auch von den Haar- bis in die Zehenspitzen.

Regisseurin Kelly Hunter schafft es, Shakespeares ‚Hamlet‘ in einer Standard-Krimilänge von rund 90 mitreißenden Minuten zu inszenieren. Der junge Prinz zerbricht am gewaltsamen Tod seines Vaters. Nur die nötigsten Personen treten auf. Die Regisseurin fordert ihrem Hauptdarsteller alles ab. Hamlet selbst verkörpert zugleich den Geist des Vaters, der ihn zu Rache und Wahn treibt. Der Geist des Vaters hat von ihm Besitz ergriffen.

Schon wenn die Türen zum Globe Theater in Neuss sich für das Publikum öffnen, sitzt Hamlet auf seinem Thron, tief versunken in die Betrachtung von Bildern. „Who’s there“ schreckt er aus der Trauer um den Vater auf. Noch sind es sein Onkel Claudius (Greg Hicks) und seine Mutter Gertrude (Kelly Hunter), die ihn überreden, bei ihnen zu bleiben. Doch kaum sind sie gegangen, bekommt Hamlet einen Anfall, sein Vater spricht aus ihm.

Laertes (Finlay Cormack), Ophelia und Gertrude (v.l.n.r.) beten für den ermordeten Polonius.
Laertes (Finlay Cormack), Ophelia und Gertrude (v.l.n.r.) beten für den ermordeten Polonius. © Florin Chirea

Mark Arends fesselt den Zuschauer mit Worten und Gestik. Fast spastisch wirkt sein Spiel der Verkrampfung: Hände und Zehen biegen sich in unnatürlicher Art. Die Körperspannung überträgt sich von der Bühne auf das Publikum. Man spürt man förmlich den anwesenden ‚Geist‘. Eine außergewöhnliche Interpretation, die packender wirkt als jeder äußere ‚Geist‘ im Umhang.

Arends versteht, diese interpretatorische Herausforderung zu meistern. Von seinen ersten Worten in Hunters Fassung „Who’s there?“ bis zu seinem letzen Satz „The rest ist silence“ geht er vollständig in seiner Rolle auf. Wie das Publikum scheint er nach der Vorstellung eine Zeit zu brauchen, um aus der Rolle zurückzukehren. Im frenetischen Applaus gibt Kelly Hunter ihrem Hauptdarsteller einen kleinen Schubs, damit er sich, einen kleinen Schritt vortretend, extra verbeugt. Er kommt aus einer fernen Zeit zurück.

Gertrude (l.) trauert um Ophelia. © Florin Chirea
Gertrude (l.) trauert um Ophelia. © Florin Chirea

Die Leistung des Hamlet-Darstellers wird durch die Darbietung seiner fünf Schauspielkollegen gestützt: Francesca Zoutewelle überzeugt in der Rolle der verzweifelten Ophelia, Greg Hicks nimmt man den besorgten Onkel ab, Finlay Cormack wechselt in die diversen Stimmungen des Laertes, Steven Beard gibt einen souveränen Polonius, und Regisseurin Kelly Hunter bringt die unterschiedlichen Gefühlswelten von Gertrude hervorragend zum Ausdruck.

Etliche Schülergruppen sahen diese Aufführung im englischen Originaltext, die auch dieses junge Publikum zu stürmischem Beifall hinriss.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.flutetheatre.co.uk

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sind Sie ein Mensch? *