Zeigen, wie Shakespeare gewirkt hat

Shakespeare-Festival Neuss, Globe © repor-tal
Vier Wochen im Jahr wird das Globe in Neuss zum Spielplatz sensationeller Aufführungen.
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Dr. Rainer Wiertz (Jg. 1955) ist Kulturreferent der Stadt Neuss und Motor des Shakespeare Festivals im Globe Neuss, das 2014 schon zum 24. Mal stattfindet. Ab dem 19. Juni dreht sich dann wieder alles auf der kleinen Bühne um den großen Dichter. Auf dem Programm stehen nicht nur bekannte Stücke von Shakespeare, sondern auch selten gespielte, fremdsprachige Stücke eines spanischen Zeitgenossen, Musik und Dichtung über Shakespeare.

Dr. Rainer Wiertz
Dr. Rainer Wiertz © Pro Classics

Wiertz über sein Konzept: „Ich bin ein Verfechter der Internationalität in unserem Festival. Natürlich gibt es immer wieder Stimmen, die mehr Vorstellungen der berühmten Ensembles wie ‚Propeller‘ oder den Bremern fordern, weil sie dafür keine Karten bekommen. Ich könnte also vier Wochen lang nur Vorstellungen dieser Ensembles machen und das Globe wäre trotzdem ausverkauft.

Internationalität heißt für mich auch, dass es möglich sein muss, zum Beispiel eine Inszenierung aus Ungarn in ungarischer Sprache einzuladen, oder zwei Stücke von einem Zeitgenossen Shakespeares, nämlich Lope de Vega aus Madrid. Da trauen sich die Menschen nicht immer so richtig heran, aber wir haben ja mittlerweile genügend Shakespeare- und Theater-Freaks, die darauf vertrauen, dass auch solch eine Inszenierung interessant ist.

Um die Bandbreite Shakespeares und seine Rezeption in den vergangenen Jahrhunderten bis heute darzustellen, biete ich gerne etwas mit Musik. Ich möchte zeigen, wie Shakespeare tatsächlich gewirkt hat zu verschiedenen Zeiten, ob bei Malern, Komponisten oder auch bei anderen Dichtern.“

Im Globe ist das Publikum immer dicht am Ball. © 2013 Christoph Krey
Im Globe ist das Publikum immer dicht am Ball.
© Christoph Krey

Im Neusser ‚Globe‘ ist jeder Besucher nur wenige Meter von den Schauspielern entfernt. Die ‚vierte Wand‘, die im Standard-Theater das Publikum vom Geschehen auf der Bühne trennt, gibt es hier nicht: Keine Kulissen, keinen Schnürboden, keine Unterbühne. Da sind nur die Schauspieler, ein Minimum an Requisiten und Licht. Wie zu Shakespeares Zeiten müssen die Akteure alles durch Spiel und Sprache darstellen, und die Zuschauer müssen ihre eigene Phantasie bemühen. Wiertz über das Globe: „Da entwickelt sich Energie wie in einem Dampfkochtopf.“

Dieses Jahr eröffnen die Bremer das Festival mit einem bunten Shakespeare-Reigen. © Marianne Menke
Dieses Jahr eröffnen die Bremer das Festival mit einem bunten Shakespeare-Reigen. © Marianne Menke

Die Geschichte dieses Sommer-Schauspielhauses aus dünnen Brettern beginnt 1991. „Der Neusser Bauverein wollte sein hundertjähriges Bestehen mit einem Kulturprogramm feiern“, erinnert sich der ‚Vater‘ des Festivals. Die entscheidende Idee hatte Norbert Kentrup, gebürtiger Neusser und Mitbegründer der ‚bremer shakespeare company‘: In Rheda-Wiedenbrück stand eine hölzerne Wanderbühne, die von der Bundesgartenschau 1988 übrig geblieben war. Sie ähnelte dem Londoner Globe-Theatre, Shakespeares Stammhaus.

Bauverein und Sponsoren brachten 650.000 DM zusammen; das Globe wurde an der Neusser Pferderennbahn wieder aufgebaut; die ‚bremer shakespeare company‘ eingeladen für vier bis sechs Aufführungen, exklusiv für die Mieter des Bauvereins. Danach schenkte der Bauverein das Theater der Stadt Neuss – Was lag näher als ein Shakespeare-Festival auf die Beine zu stellen?

Anfangs waren viele skeptisch. „Doch der Erfolg hat viele Väter“, schmunzelt Wiertz. Mittlerweile hat das Festival eine Bedeutung weit über die Grenzen des Landes und der deutschen Sprache hinaus gewonnen. Denn: „Wichtig war mir immer, die Inszenierungen in der Original-Sprache zu bringen, auch wenn es sich um weniger verbreitete Sprachen handelte, wie Koreanisch oder Schwedisch.“

Rund um das Globe laden Bänke und Tische zum Verweilen in kultiger Atmosphäre. © repor-tal
Rund um das Globe laden Bänke und Tische zum Verweilen in kultiger Atmosphäre. © repor-tal

Bei der Vorbereitung und Organisation sind viele Kräfte beteiligt. „Heutzutage ist es auch einfach notwendig, einen gewissen Event-Charakter zu schaffen“, so der ‚Intendant‘. Der Platz zwischen Wetthalle und Globe wird so zum Shakespeare-Garten. Am Kiosk gibt es Gebäck, dazu Altbier oder auch ein Glas Wein. Oder man nimmt den Picknick-Korb, auch im Angebot, und reserviert eine der möblierten ehemaligen Pferdeboxen, um ihn zu verzehren.

Wiertz über Pläne

Korijolánusz - nach Shakespeares 'Coriolanus' von  HOPPart auf ungarisch © Daniel Borovi
Korijolánusz – nach Shakespeares ‚Coriolanus‘ von HOPPart auf ungarisch © Daniel Borovi

„Mein großer Wunsch: alle bekannten 36 Shakespeare-Stücke aufgeführt zu haben. Was bisher noch nicht der Fall ist. Es liegt daran, dass die Truppen bestimmte Stücke in Angriff nehmen und andere nicht, wie zum Beispiel Richard II. oder Henry VI., da gehen die nicht wirklich heran. Dieses Jahr haben wir mal ‚Coriolanus‘ und ‚Perikles‘. Es ist schön, auch einmal Stücke zu zeigen, die seltener aufgeführt werden.

Die heutige englische Theaterlandschaft kennt kaum nationale Theater, bezahlte Schauspieler. Die arbeiten in Projekten. Und so wissen freie Truppen: Würden sie ‚Coriolanus‘ inszenieren, dann gäbe es drei Aufführungen und zwei Gastspiele. Mit ‚Romeo und Julia‘ kann man durch ganz Großbritannien ziehen und in jedem Theater auftreten. Das sind Marktgesetze, die da greifen.

Schön wär’s, wenn man freien Truppen sagen könnte: Ich kann euch das Geld geben, ihr macht das Stück, und ich sorge dafür, dass ihr es auch noch an anderen Orten aufführen könnt. Es reicht heute nicht mehr, ein Bespieltheater zu betreiben und auf Leute zu warten, die auftreten möchten. Im Gegenteil: Die sich bewerben, sind oft die Falschen; um die Sachen, die man möchte, muss man kämpfen.

Wir haben uns als europäisches Shakespeare-Festival-Network (esfn.eu) zusammengeschlossen. Wir treffen uns und tauschen uns aus. Da kann man den Künstlern mehr Aufführungen anbieten, damit sich für sie der Aufwand lohnt.

Illustrer Gast des Festivals 2014: Katharina Thalbach
Illustrer Gast des Festivals 2014:
Katharina Thalbach

Die bedeutenden Produktionen versuchen wir zu uns zu holen. Richtig große passen bei uns nicht hinein. Manches ist nicht professionell genug, oder es ist immer dasselbe.

Man muss sich viel bewegen und viel im Internet recherchieren. Wie soll ich sonst erfahren, dass es irgendwo auf der Welt eine Shakespeare-Produktion gibt? Die Produktionsstrukturen vieler freier Theater lassen es gar nicht zu, dass ich mir das gelassen ansehe, und wir bringen es im nächsten Jahr. Dann gibt es die Inszenierung unter Umständen schon gar nicht mehr. Und man muss einfach zugreifen, wenn die Kirschen reif sind.“

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespearefesitval.de

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