Der Berg ruft:
Der Müll lebt!

Auf der Leppe in Lindlar fährt der Müll dem Besucher direkt in die Beine, der Puls steigt auf 180, der Kreislauf ist in Alarmbereitschaft. Eine brutale Erfahrung beim Aufstieg des größten Müllbergs im Bergischen Land. Ohne Treppen, auf einer gepflasterten Schräge mit einer Steigung von mehr als 30 Prozent kämpft man sich auf den letzten Höhenmetern hinauf.

Ein intensives Erlebnis, der gigantische Müllhaufen der Zentraldeponie Leppe der Bergischen Kreise ist in jeder Hinsicht der Höhepunkt des Konversionsprojekts :metabolon, das zur Regionale 2010 eröffnet wurde.

Doch der Reihe nach. Im Eingangsbereich begrüßt zunächst eine Müllskulptur die Besucher und leitet sie über ein Holzdeck mit Gräserbeeten in ein Hallengebäude aus Holz und Glas in der eine Dauerausstellung rund um die Themen energetische Holznutzung, energieeffizientes Bauen und Sanieren, ‚Stoffumwandlung’ und nachhaltige Stoffnutzung gezeigt wird. Die 1300 Quadratmeter dieses Transferzentrums dienen sowohl der Vermittlung als auch der Forschung.

Durchschreitet man die Halle, gelangt man an einen abgetrennten Bereich mit Seminar- und Büroräumen für Forscher und – kaum zu glauben – in ein Bistro mit Sonnenterrasse und Kinderspielplatz! Mit Blick auf den Müllberg!

Schnurgerade und steil führt der Weg auf die Halde.

Gleich daneben führt der Weg zur schnurgeraden Diretissima auf den Haldengipfel – die ‚Recyclingachse’, die anfangs von einer Müllwand begeleitet wird: 3,50 Meter hoch ist sie und besteht aus all dem, was jeder wegwirft – vom Joghurtbecher bis zum Sportschuh. Fixiert sind die Materialien mit einem Polyurethankleber. Eine Tür in der Müllwand führt in Ausstellungsräume mit einem historischen Abriss zum Thema. Im Eingangsbereich lässt sich ein Halden-Querschnittmodell erklimmen,  auf einer leicht wabbeligen Kunststoffdichtungsbahn – so wie sie für Haldenabdichtung eingesetzt wird. Alles in allem eine sehr sinnliche Heranführung an das Thema Müll.

Der Berg selbst ist kreisrund mit schwarzen, glatten, von Folie bedeckten Hängen. Neun Millionen Kubikmeter Material sind hier verbaut. Erst geht es 380 Stufen es die Recyclingachse hinauf, das letzte Stück dann ohne Stufen, begleitet von einem Spalier aus tausend Mülltonnen. Über vierhundert Wegmeter geht es hundert Höhenmeter hinauf. Ab und zu wird es lehrreich, ein paar Tonnen stehen im Weg und stellen Fragen zu Mülltrennung, Sonderabfall, Müll zu Opas Zeiten oder zum ökologischen Fußabdruck. Die Lösungen befinden sich unter dem Deckel der Infotonnen. Immer wieder säumen Pflanzengruppen den Weg – Ausläufer eines Pflanzenbandes, das sich um den Kegel schmiegt. Auffällig: In Richtung Sonnenuntergang stehen langsam wachsende Chinesische Hanfpalmen, die sonst im asiatischen Hochland noch auf 2.500 Metern zu finden sind. Der Kontrast zur Kippe ist drastisch und genauso gewollt: Natürlicher Kreislauf begegnet dem von Menschen gemachten Stoffkreislauf.

Futuristischer Anblick auf dem Gipfel

Für den Kampf mit den letzten Höhenmetern wird jeder, der es bis zum Gipfel schafft, in ‚Watte gepackt’: Aus einem weichen, federnden knallorangenen Fallschutzbelag wird die Brüstung entwickelt, wölben sich Sitzgelegenheiten und kleine Kuppen heraus. Eine Spiellandschaft wie im Inneren eines Vulkans, auf 80 Metern Abfall! Die Aussicht ist atemberaubend, der Blick zurück Schwindel erregend. Eine Rutsche verkürzt den Weg hinab.

Der künstliche, 350 Meter hohe Berg wird noch auf Jahre hin ‚arbeiten’, Nachsorgeeinrichtungen wie Rohrleitungen und Gasbrunnen werden auf unbestimmte Zeit den Setzungsprozess begleiten. Diese Gestaltung, die einer Rekultivierung im eigentlichen Sinn widerspricht, lässt „den Prozess nicht begraben und vergessen, sondern ist am ‚offenen Herzen‘ mitzuverfolgen“, so die FSWLA Landschaftsarchitekten, die dieses informative Ausflugsziel entwickelt haben.

Anette Kolkau (Text + Photos)

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