Das Gewissen der jungen Bundesrepublik

Das Jüdische Museum Frankfurt und das ebenfalls dort ansässige Fritz Bauer Institut haben eine Wanderausstellung konzipiert, die ab dem 15. März im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg zu sehen ist: Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht. Fritz Bauer hatte gegen erhebliche Widerstände aus Politik und Justiz durchgesetzt, dass 1963 der Auschwitz-Prozess stattfinden konnte.  

Fritz Bauer, geboren 1903 in Stuttgart, Jude und Sozialdemokrat, war selbst in die Emigration getrieben worden. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück und revolutionierte als Staatsanwalt das überkommene Bild dieses Amtes, indem er den Schutz der Würde des Einzelnen, gerade auch gegen staatliche Gewalt, betonte.

1963 brachte er als Generalstaatsanwalt gegen erhebliche Widerstände den Frankfurter Auschwitz-Prozess auf den Weg – ein Meilenstein in der juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in Deutschland. Ein Meilenstein auch gegenüber den erschreckend zurückhaltenden Nürnberger Prozessen der Alliierten.

© Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Die Ausstellung lässt Fritz Bauer möglichst oft selbst zu Wort kommen. Neben Dokumenten, Photographien und Exponaten aus dem persönlichen Nachlass zeigen vor allem die zahlreichen Tondokumente den Generalstaatsanwalt als glänzenden Rhetoriker, streitlustigen Diskutanten und nachdenklichen Gesprächspartner. 

Die Ausstellung
Die Ausstellung ist der Erinnerung an den Auschwitz-Prozess gewidmet, der sich 2013 zum 50. Mal jährte. Unter anderem wurde die Ausstellung 2014 im Jüdischen Museum Frankfurt sowie 2015 im Thüringer Landtag in Erfurt gezeigt. 

Die Tische zum Frankfurter Auschwitz-Prozess bilden das Zentrum der Ausstellung. © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Die Ausstellung stellt den Besuchern Leben, Werk und Persönlichkeit Fritz Bauers in 17 thematisch und chronologisch gegliederten Stationen vor. Folgende Aspekte werden dabei zentral behandelt: 

Botschafter des Artikels 1, GG
Sowohl in Braunschweig als auch später in Frankfurt ließ Bauer an den Gerichtsfassaden den Artikel 1 des Grundgesetzes anbringen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Die Ausstellung räumt diesem Punkt einen bedeutenden Stellenwert ein, weil er für Bauers Selbstverständnis als Staatsanwalt ebenso zentral wie zu damaliger Zeit außergewöhnlich erscheint. Lange noch galt der Staatsanwalt als Vertreter einer Staatsräson, die Gehorsam zur ersten Bürgerpflicht erhob. Bauer sah dagegen im Staatsanwalt eher einen Anwalt, der die Rechte der Menschen auch gegen staatliche Willkür vertritt. 

Jugend und frühe Jahre
Fritz Bauer, geboren 1903 in Stuttgart, stammte aus einem bürgerlich-jüdischen Elternhaus der Kaiserzeit. Das Versprechen der Assimilation nahmen Vater und Sohn jeweils auf eigene Weise ernst, der Vater deutsch-national und autoritär, Sohn Fritz linksradikal. Der Antisemitismus, dem Bauer oftmals begegnete, erschien ihm als ärgerliche Rückschrittlichkeit. Die Forderung nach einem eigenen jüdischen Staat hielt er für eine Art überflüssigen Umweg. 

Für Fritz Bauer war die Rückkehr nach Deutschland ein lang ersehnter Wendepunkt, der das Ende von Krieg, Verfolgung und Exil bedeutete. © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Exil
Die Nationalsozialisten trieben Bauer 1936 ins Exil nach Dänemark. 1943 musste er mit seiner Familie weiter nach Schweden fliehen. Die Exilzeit bildet einen Schwerpunkt der Ausstellung. Erstmals können Auszüge aus der umfangreichen Akte gezeigt werden, die die dänische Ausländerbehörde über Jahre hinweg führte. Sie dokumentieren unter anderem die Anerkennung als politischer Flüchtling mit Hilfe dänischer Sozialdemokraten, sie dokumentieren aber auch die Umstände von Bauers Observierung als Homosexueller im vergleichsweise liberalen Dänemark. 

Fritz Bauer im Landgericht Braunschweig, 1950. © Privatarchiv Ausmeier

Rückkehr
Für Bauer war die Rückkehr nach Deutschland 1949 ein lang ersehnter Wendepunkt, der das Ende von Krieg, Verfolgung und Exil bedeutete. Während Bauers erster Amtszeit als Generalstaatsanwalt am Oberlandesgericht Braunschweig gelang es ihm im aufsehenerregenden Prozess gegen den ehemaligen Generalmajor Otto Ernst Remer, die Widerstandsgruppe des 20. Juli zu rehabilitieren. Remer hatte die Attentäter des 20. Juli des Hoch- und Landesverrats bezichtigt. Dass Bauer der deutschen Öffentlichkeit als positive Identifikation Vertreter aus dem konservativen Milieu anbot und nicht etwa aus dem linken Widerstand gegen Hitler, dem er selbst angehört hatte, zeigt sein taktisches Gespür für die Befindlichkeiten der Nachkriegszeit. 

Fritz Bauer © fotografie stefan moses, München

Der Sozialdemokrat
Seine politische Heimat blieb die SPD. In Schweden hatte er Willy Brandt kennengelernt, die gut funktionierenden Netzwerke der Partei halfen ihm, nach 1945 beruflich wieder Fuß zu fassen. 

Eichmann-Prozess
Bauer hatte wesentlichen Anteil am Zustandekommen des 1961 in Jerusalem durchgeführten Eichmann-Prozesses. Die Zusammenarbeit mit den israelischen Behörden blieb jedoch lange Zeit ein gut gehütetes Geheimnis. 

Auschwitz-Prozess
Als hessischer Generalstaatsanwalt war Bauer 1963 maßgeblicher Initiator des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Dieser galt als Meilenstein in der juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in Deutschland. 

Beginn des Auschwitz-Prozesses © Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main; Foto: Kurt Weiner

Kalter Krieg
Immer wieder bot die Generalstaatsanwaltschaft der DDR Einsicht und den Austausch von Beweisdokumenten ehemaliger Nationalsozialisten an. Fritz Bauer gehörte zu den wenigen Generalstaatsanwälten, die das Angebot annahmen. Auch wenn die DDR dabei eigene Ziele verfolgte, war Bauer klar, dass die meist stichhaltigen Dokumente den Druck auf eine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik erhöhen würden. 

Kollegen und Freunde Fritz Bauers haben immer wieder die beeindruckende persönliche Präsenz des Generalstaatsanwalts hervorgehoben. Neben Dokumenten, Photographien und Exponaten aus dem persönlichen Nachlass zeigen in der Ausstellung vor allem zahlreiche Bild- und Tondokumente Fritz Bauer als glänzenden Rhetoriker, streitlustigen Diskutanten und nachdenklichen Gesprächspartner. 

In Nürnberg ist Fritz Bauer. der Staatsanwalt zu sehen bis zum 3. Juni 2018.

Text: repor-tal / Presseamt der Stadt Nürnberg

Informationen: www.museen.nuernberg.de

Ort: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 110,
90478 Nürnberg

Öffnungszeiten: montags bis freitags 9 – 13 Uhr, samstags und sonntags 10 – 18 Uhr

Telefon: 09 11 / 2 31 75 38 

Eintritt: frei

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