6 Euro, 6 Hektar, 9 Jahrhunderte

Kloster Vessra 034Wer bestimmt eigentlich, welche Reiseziele besonders ‚lohnend‘ sind? Sind die üblichen ‚Bewertungen‘ nicht eigentlich auch alle subjektiv? Folgen die Autoren der jeweils neuesten Reiseführer nicht auch eher einer Art Herdentrieb? Während wir fasziniert auf dem sechs Hektar großen Gelände des ehemaligen Klosters Veßra in Thüringen spazierten, sprach uns ein Tourist mit erkennbar süddeutschem Dialekt von außerhalb der Umfriedung an, was denn hier der Eintritt koste. Auf unsere Antwort: „Sechs Euro“ reagierte er mit einer Grimasse der Verachtung: Das sei die Anlage nicht wert; denn außer der Westfassade der Klosterkirche sei alles andere „völlig uninteressant“. So zog er ab, seine Frau hinterdrein.Neugier genügt! Wir Museumshühner wissen es.Für solche Gäste ist dieser Text nicht geschrieben. Wir möchten Sie anregen, die Welt mit eigenen Augen zu sehen, Neues zu entdecken ohne mit der Nase darauf gestoßen zu werden, Ihre eigene Phantasie zu aktivieren. das geht am besten an Orten, die nicht allzu überlaufen und nicht zu sehr auf Sensation und Effekt getrimmt sind.

Monumental: Die Westfassade
Monumental: Die Westfassade

Das Kloster Veßra in Thüringen ist so ein Ort. Denn die Westfassade der Kirche ist zwar ein beeindruckendes Monument, aber die Anlage, heute ein komplettes Freilichtmuseum der Region Henneberg, hat sehr viel mehr zu bieten.

Das von den Henneberger Grafen im 12. Jahrhundert gegründete Kloster war ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes bis zur Reformation. Die oben erwähnte Westfassade zeigt auf den ersten Blick, dass der imposante Bau über mehrere Epochen errichtet wurde: Der untere Teil ist aus Kalkstein und zeigt romanische Rundbögen; vom dritten Stock an ist der Stil gotisch und das Material bunter Sandstein.

Während der Reformation im 16. Jahrhundert wurde das Kloster aufgelöst, der Besitz ging an den Landesherrn, die Gebäude wurden landwirtschaftlich genutzt. Die Kirche diente als Kornspeicher, bis sie 1939 durch ein Feuer weitgehend vernichtet wurde. Doch was übrig blieb, ist immer noch beeindruckend.

Nur eine Ruine kann man von innen und außen zugleich sehen
Nur eine Ruine kann man von innen und außen zugleich sehen

Denn wenn man sich zum Beispiel auf dem grünen Rasen des Langschiffs umschaut, umgeben vom aufragenden Westwerk, dem erhaltenen Chor und den Resten der Außenmauern des Langschiffs, dann ’sieht‘ man sozusagen das Innere und das Äußere der Kirche gleichzeitig – und das kann nur nur bei Ruinen funktionieren, wo kein Dach den Blick von drinnen nach draußen verstellt.

Außerdem ist noch Vieles intakt oder rekonstruiert. Zum Beispiel die gräfliche Hauskapelle am nördlichen Ende des Querschiffs mit ihren Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert, oder ihr kleineres Pendant, die Südkapelle mit den kuriosen zwei runde Öffnungen, durch die zu unterschiedlichen Jahreszeiten die Sonne scheint: von Mai bis August durch die nördliche, im Frühjahr und Herbst durch die südliche. Beide Kapellen wirken sehr archaisch und zeugen von einer viele Jahrhunderte zurückliegenden religiösen Tradition.

Auch das ist noch lange nicht alles, was man in Veßra entdecken kann; denn zu den Bauten des ursprünglichen Klosters sind in den letzten Jahrzehnten historische Gebäude aus der Region hinzugekommen, die zusammen ein geradezu idyllisches Dorf-Ensemble bilden. Da gibt es die Mühle und die Schmiede, das Haus des Reichen und das Armenhaus, das Brauhaus und die Dorfkirche.

Eine geräumige Scheune ist als Ausstellung zum Thema Landwirtschaft eingerichtet. Hier treten auch typische Exponate der DDR-Phase deutlicher hervor, zum Beispiel der Ackerschlepper Typ RS 02 ‚Brockenhexe‘, der von 1949 bis 1951 im VEB Schlepperwerk Nordhausen gebaut wurde.

Für Besuchergruppen gibt es nach Absprache auch Führungen. Von März bis Oktober bietet das Museum auch ein Kulturprogramm und diverse Mitmach-Aktionen. Man findet sich aber auch aleine gut zurecht; denn es gibt ein paar nützliche Flyer, und an jedem Gebäude gibt ein Schild Auskunft.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos © repor-tal

Infos: www.museumsklostervessra.de

Hennebergisches Museum Kloster Veßra
Anger 35, D-98660 Kloster Veßra
Telefon 036873/ 69030
E-Mail: info@museumsklostervessra.de

Öffnungszeiten: Di-So  9-18 Uhr (April – Oktober) bzw.  10-17 Uhr (November – März); Mo geschlossen.

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