13. Oktober 2011
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Grippe im Anmarsch, Abwehr bereit?

fifty2go: Wer sollte sich impfen lassen?

Dr. Vesper: Grippeschutz wird als Standard-Impfung breit empfohlen für alle, die älter als 60 Jahre sind. Als Indikations-Impfung, das ist eine Impfung von bestimmten Zielgruppen, wird sie auch für jüngere  Personen empfohlen. Das können zum Beispiel Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immundefekten sein oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD – Chronic Obstructive Pulmonary Disease – ein Sammelbegriff für Erkrankungen wie die chronisch obstruktive Bronchitis und das Lungenemphysem).

Für Menschen, die hohen Publikumsverkehr haben oder die im Gesundheitswesen tätig sind, ist eine Impfung von Berufs wegen empfehlenswert. Als Reise-Impfung empfiehlt sich der Schutz ebenfalls, vor allem für Asienreisende.

Die Impfung schützt zuverlässig gegen die Infektion, wenn sie Immunität gegen den jeweiligen Subtyp des von Jahr zu Jahr wechselnden Virus bietet. Deswegen wird jedes Jahr der Impfstoff an die jeweils zirkulierenden Virustypen angepasst.

fifty2go: Wann sollte man sich impfen lassen?

Dr. Vesper: Möglichst vor Beginn der Grippesaison, also jetzt im September / Oktober. Aber dabei ist zu beachten, dass akute, behandlungsbedürftige Erkrankungen eine Kontraindikation für Impfungen darstellen. Eine Ausnahme bilden da Impfungen nach Infektionen, wie die gegen Tollwut oder Tetanus. Unerwünschte Arzneimittelreaktionen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung sind bis zur Klärung der Ursache ebenfalls eine Kontraindikation gegen eine nochmalige Impfung mit dem gleichen Impfstoff. Allergien gegen Bestandteile des Impfstoffs können ebenso Impfhindernisse darstellen. Und während einer Schwangerschaft sind nur dringend indizierte Impfungen durchzuführen.

fifty2go: Gibt es in diesem Jahr ein besonders gefährliches Virus?

Dr. Vesper: Nein, in diesem Jahr ist noch nichts Extremes entdeckt worden. Die Infektionen beim Menschen mit Influenzaviren, die in Vögeln zirkulieren und die als Geflügelpest bei Vögeln hoch pathogen sind, sind beim Menschen in Deutschland und der EU nicht aufgetreten.

Schweinegrippeinfektionen beim Menschen sind nach der Pandemie 2009 nur noch sporadisch aufgetreten. Kürzlich wurde eine Schweinegrippeninfektion bei einem 18 Monate alten Jungen festgestellt, der aber nach Krankenhausaufenthalt inzwischen wieder genesen ist und bei dem die Infektion wohl über die Schweinhaltung der Großeltern gelaufen ist.

fifty2go: War denn die Aufregung damals berechtigt?

Dr. Vesper: Die Aufregung über die Pandemie 2009 war berechtigt. Man konnte nicht voraussehen, dass der Verlauf der Grippeinfektion so relativ glimpflich verlaufen würde, wie dann tatsächlich passiert. Die Spanische Grippe gegen Ende des 1. Weltkrieges hatte Millionen Menschenleben gekostet. Damals  wurde im Bayrischen Landtag bereits eine parlamentarische Anfrage gestellt (11/1918): „Ist der Staatsregierung bekannt, dass die zurzeit epidemisch auftretende Grippe in vielen Bayerischen Gemeinden infolge des Ärztemangels nicht genügend bekämpft wird?“ Heute wird wieder der Ärztemangel immer noch diskutiert. Auch bei späteren Grippeepidemien in den 1950er und 60er Jahren starben viele Menschen. Gut, dass die Pandemie 2009 einen so glimpflichen Verlauf genommen hat.

fifty2go: Manche Menschen sind prinzipiell gegen Impfungen. Was sagen Sie dazu?

Dr. Vesper: Eine prinzipielle Ablehnung von Impfungen kann nicht begründet werden. Schutzimpfung ist eine der erfolgreichsten Maßnahmen der modernen Medizin. Die Pockenerkrankung ist dank Impfung seit 1979 ausgerottet. Während in den 1950er Jahren hierzulande die Industrie mit der Produktion von ‚Eisernen Lungen’ kaum nachkam, war der Spuk wenige Jahre nach Einführung der Impfung gegen Kinderlähmung vorbei. Die Hirn- und Hirnhautentzündung im Gefolge einer Masernerkrankung kann durch effiziente Impfung verhindert werden. Ärzte, die aus ideologischen Gründen von einer Masernimpfung abraten, werden zu Recht bestraft. Während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland warnten amerikanische Webseiten vor dem Besuch der NRW-Stadien, da es damals hier eine Häufung von Masernerkrankungen gab als Folge unzureichender Impfraten. Masern spielen in der Reisemedizin in verschiedenen Ländern noch eine große Rolle.

fifty2go: Und wie ist es bei der Grippe? Können Impfungen schlimmere Wirkungen haben als die Krankheit selbst?

Dr. Vesper: Nein. Impfungen führen gelegentlich zu geringen Reaktionen an der Injektionsstelle. In meiner 30-jährigen Praxis habe ich ernsthafte Nebenwirkungen von Impfungen nicht beobachtet.

Impfungen entsprechend den Empfehlung der Ständigen Impfkommission des Robert Koch Instituts (RKI) werden  deshalb auch öffentlich empfohlen.

fifty2go: Wer sollte zusätzlich zur Grippeimpfung eine Pneumokokken-Impfung zum Schutz vor Lungenentzündung bekommen?

Dr. Vesper: Über 60-Jährige sollten einmalig zusätzlich eine Impfung gegen Lungenentzündung erhalten. Mit der Empfehlung einer zweiten Impfung fünf Jahre später tut man sich schwer, da es bei der zweiten Impfung tatsächlich gelegentlich zu schweren Reaktionen an der Injektionsstelle kommen kann, die aber bei einer ersten Impfung nicht auftritt.

 

Fazit: Wer sich noch keinen Grippeschutz für dieses Jahr geholt hat, sollte sich schleunigst bei seinem Hausarzt dafür anmelden!

Ruth Hoffmann (Interview)

repor-tal (Photos)

Informationen: www.dr-vesper.de

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