Der Kannenbäcker

Der Abbau von Ton kann im Westerwald schon vor 700 Jahren archäologisch belegt werden. Hier liegt eines der reichsten Tonvorkommen in Mitteleuropa. Dass zog die Töpfer natürlich an. Rund 300 Werkstätten und Betriebe gab es früher im berühmten Kannenbäckerland. 15.000 Arbeitsplätze waren damit verbunden. Doch die Billigkonkurrenz aus Ost-Europa und Fernost hat den Markt und damit viele Betriebe zerstört. Mehr als 200 Töpfereien haben in den letzten zehn Jahren ihren Betrieb eingestellt.

Keramik-Werkstatt, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-tal
Die Ausbildung bis zum Töpfer-Meister ist lang, bevor man den Traum von der eigenen Werkstatt verwirklichen kann.

„Die Zahl der Betriebe wird weiter schwinden“, sagt Bolko Peltner (Jg. 1962), einer der immer weniger werdenden selbständigen Keramiker im Westerwald. „Es gibt nur noch sechs Töpfer-Lehrlinge in ganz Deutschland.“ Um Töpfermeister zu werden, durchlaufen die Anwärter zunächst eine dreijährige Lehre und dann noch eine dreijährige Gesellenzeit. Doch um von dem Beruf auch leben zu können, muss der Töpfer rund 150 Stücke am Tag produzieren!

Keramik-Teller, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-talBolko Peltners Eltern stammten ursprünglich nicht aus dem Westerwald. Und sie hatten auch nichts mit der Töpferei zu tun. Aber sie kamen aus der der Nähe von Bunzlau (heute Bolesławiec in Polen), wo die schlesische Töpferei ihr Zentrum hatte. Viele mussten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen und fanden sich im Kannenbäckerland wieder. Keramik-Teller, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-tal„Als Flüchtlinge mussten sich meine Eltern eben durchschlagen. Und so haben sie in Bamberg in einer Keramikfabrik geholfen“, erzählt Bodo Peltner freimütig. 1949 hat sich Vater Peltner dann an der Ingenieur-Schule in Höhr-Grenzhausen eingeschrieben.

Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-tal
Bolko Peltner liebt Keramik und ihre Geschichte.

Höhr-Grenzhausen wurde nach dem Krieg weltbekannt, weil es die Hochburg Bunzlau ablöste. Auch von den hier stationierten Amerikanern profitierten die Töpfer. Die Soldaten brachten die Keramik als typische Souvenirs mit in die USA und machten sie dort bekannt. So entstanden auch viele Geschäftsbeziehungen über den ‚großen Teich‘, und es kamen viele Aufträge aus den Staaten. „Bis heute habe ich noch Kunden in den USA“, lächelt Peltner. „Aber die meisten bleiben inzwischen aus. Auch eine Folge der Wirtschaftskrise.“

Keramik-Teller, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-talAuch die Polen haben das ehemalige Potential wieder entdeckt. 3.500 Arbeitsplätze sind in der der Bunzlauer Region zwischenzeitlich entstanden. Inzwischen pflegt Bolko Peltner gute Kontakte nach Polen.

Keramik-Teller, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-talBolko Peltner hat ein Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte abgeschlossen. Doch die wissenschaftliche Laufbahn gab er auf, als sein Vater im Betrieb Unterstützung brauchte. Der Sohn stieg in das Geschäft ein. Qualitäts-Töpferei war in den 80er und 90er Jahren noch lukrativ. Damals hatten die Peltners zwölf Mitarbeiter. Heute beschäftigt Bolo Peltner nur noch aushilfsweise Kräfte.

 

Trotz der rückgängigen Geschäftslage zitiert er gern den alten Töpfer-Spruch: „Zerbrechlich schuf den Topf der Schöpfer. Drum blüht allzeit die Zunft der Töpfer.“ Und auch das geflügelte Wort ‚Scherben bringen Glück‘ gefällt ihm. Denn was in Scherben geht, muss ersetzt werden. Und das ist das Geschäft des Töpfers.

Keramik, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-talKeramik als Gebrauchsware ist aber heute weniger gefragt als früher. Man benutzt zwar noch Geschirr aus Porzellan, aber viele kaufen nicht mehr das wertvolle, künstlerisch gestaltete Service, sondern preisgünstige Ware aus dem Möbelmarkt. Früher war es Sitte, dass ein gutes Kaffee- oder Tafelservice zur Hochzeit geschenkt wurde. früher waren fast alle Vorratsbehälter aus Keramik, von der Essigflasche bis zum Sauerkraut-Topf. Heute nimmt man Plastik.

Keramik-Teller, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, Pfauenaugendekor © repor-tal
Pfauenaugendekor

Peltner selbst stellt Keramik in der kunsthandwerklichen Tradition her, insbesondere Gefäße mit Pfauenaugendekor und Engobe-Malerei*. Doch das Interesse an traditionellem Kunsthandwerk lässt nach, sagt Peltner, der einen Rückgang des Interesses an kulturellen Objekten allgemein beklagt: „Kundschaft, die das wertschätzt, wird immer weniger.“ Das Geschäft geht zurück und wird immer komplizierter.

Dabei ist Keramik auch heute ein hochwertiges Material, weil es extrem widerstandsfähig gegen chemische und thermische Einflüsse ist. „Es gibt Keramik für den High-Tech-Einsatz wie in der Medizin. Zum Beispiel werden Hüftgelenke aus Keramik gemacht. Sämtliche Knochen – bis auf die ganz kleinen – können aus Keramik nachgebildet werden“, erklärt der Töpfermeister. „Zahnkronen und Inlays sind aus Keramik. Bei Autos sind die Bremsbeläge schon längst nicht mehr aus Metall, sondern aus Keramik, weil es viel haltbarer ist. Keramik ist härter als Titan oder auch Kunststoff und es hat kaum Abrieb. Es ist für viele Bereiche mit Abstand das sicherste und beste Material.“

Übrigens: Ton ist auch gut für die Haut. Die Hände der Töpfer leiden nicht unter der Arbeit mit dem Material, weil der Ton Fett enthält. Es stammt aus den Millionen Jahre alten Ablagerungen der Meerestiere, wie zum Beispiel Schnecken. Nur wenn der Ton antrocknet, entzieht er auch der Haut Feuchtigkeit. „Man muss nach der Arbeit an der Töpferscheibe die Hände immer gut reinigen“, rät Peltner.

Lesen Sie am 24. Juli mehr über das kleine Privat-Museum der Peltners mit dem sachkundigsten Führer in Sachen Keramik.

Keramik-Museum, Bolko Peltner, Kannenbäckerland, © repor-talText: Ruth Hoffmann

Photos: repor-tal

Adresse: Töpferei und Museum ‚Im Kannenofen‘, Kleine Emser Straße 4, 56203 Höhr-Grenzhausen

Telefon: 02624 / 72 51
E-Mail: bolko.peltner@gmx.de

Öffnungszeiten: montags bis samstags 9 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, sonntags 13 bis 17 Uhr

* Engobe ist ein aus Tonschlamm bestehender Überzug, der beim Brennen eine gleichmäßige Oberfläche und Färbung annimmt. Über die Färbung entscheidet die Zumischung von Metalloxiden.

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