Glück, Talent und –
unendlich viel Fleiß:
Wibke Bruhns

Geboren wurde Wibke Bruhns kurz vor Kriegsausbruch 1938 im Harz, in Halberstadt, Sachsen-Anhalt. Der Vater Hans Georg Klamroth führte dort einen Landwirtschaftshandel. Er war bei der Wehrmacht und gehörte zum Kreis des Attentats auf Hitler 1944. Dafür wurde er verurteilt und in Plötzensee hingerichtet. Die Mutter zog 1948 mit ihren fünf Kindern nach Braunschweig und versuchte den Landhandel weiterzuführen. Doch das klappte nicht. So suchte sich die tapfere Frau selbstbewusst einen Job in Bonn im Auswärtigen Amt und kam so nach Schweden in die Stockholmer Botschaft.

Klein-Wibke blieb oft sich selbst überlassen oder wurde von der großen Schwester erzogen, was ihr gar nicht passte. Durch das freie Leben und die Umzüge der Mutter lernte sie schon früh, die Hürden des Lebens selbständig zu meistern. Aber sie brauchte auch einige Anläufe. Das Abitur machte sie in Berlin, wo sie bei Freunden der Familie zu der Zeit lebte. Hier erlebte sie die sich neu entwickelnde Metropole in den 1950er Jahren. In Hamburg begann sie dann, Geschichte zu studieren. Doch das gab sie schnell auf. Stattdessen begann sie ein Volontariat bei der Bild-Zeitung. Doch auch den Job schmiss sie – weil eine Aufmacher-Story gegen ihre politische Überzeugung verstieß. Also kündigte sie.

Von da an ging’s bergauf: als Mädchen für alles fing sie beim NDR-Fernsehen an, woraus sich eine freie Mitarbeit entwickelte. Ihr Redakteur nahm sie mit zum neugegründeten ZDF, und schon war Wibke Bruhns 1962 Redakteurin des öffentlich-rechtlichen Senders. Die goldenen Sechziger waren gut für Karrieren.

Bekannt wurde Wibke Bruhns dann als erste Nachrichtensprecherin im Fernsehen. Der Ruf eilt ihr heute noch hinterher, obwohl Wibke Bruhns für weit mehr im deutschen Journalismus steht.

1972 setzte sie sich klar für den Kanzlerkandidaten Willy Brandt in der sozialdemokratischen Wählerinitiative (SWI) ein. So lernte sie den verschlossenen Politiker besser kennen als mancher andere, der ihn zu kennen glaubte. Auch der Schriftsteller Günter Grass machte sich damals für Brandt stark. Bruhns erinnert sich: „Der ‚Besserwisser’ ging Willy Brandt auf die Nerven. … Nach dem fulminanten Wahlsieg 1972 hatte er (Grass) die Ernte einfahren wollen, an deren Üppigkeit er so reichlich Anteil gehabt hatte. Er sah sich als Mentor und graue Eminenz, der dem Regierungschef erzählt, wo’s langgeht. Brandt sah das anders. … Er beauftragte Büroleiter Wilke, ihm den Dichter vom Hals zu halten.“

Für das Magazin Stern ging Wibke Bruhns später nach Jerusalem. Immer am Nabel der großen Weltpolitik. Sie dinierte mit der damaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir, saß mit palästinensischen Klanchefs zusammen im Wüstensand und interviewte Yassir Arafat. Immer hat sie versucht, beide Seiten zu verstehen.

Im Nahen Osten berichtete sie über sämtliche politischen Ereignisse und Hintergründe. Später drehte sie sich mit auf der Washingtoner Weltbühne, sprach mit dem damaligen Außenminister Henry Kissinger und dem Schauspieler-Präsidenten Ronald Reagan.

Ein eigenes Kapitel widmet Wibke Bruhns auch dem Skandal der vermeintlichen Hitler-Tagebücher, keine Realsatire wie im Film, sondern peinliche Schlappe und harter Arbeitskampf für die Mitarbeiter, die ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen wollten.

Wibke Bruhns hat bis zu ihrem Unruhestand alles durchlaufen, was für einen Journalisten möglich ist. Auch einen ‚Ausflug’ in die private Fernsehwelt bei ‚Vox’ hat sie gemacht: „Ein dilettantisches Unternehmen“, ist ihr Fazit. Und zum Schluss landete sie bei ihrem Wunschziel, dem neu geöffneten Osten, und arbeitete beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB).

Ende der 1990er Jahre ging sie auf Spurensuche. Ihr Vater war ihr fremd. Sie war sechs, als er gehenkt wurde, vorher war er im Krieg. 2004 erschien ‚Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie’.

Wibke Bruhns hatte viel Glück, mit ihrem Start ins Berufsleben. Aber nur durch Fleiß und Können hat sie sich bis an die Spitze des deutschen Journalismus vorgearbeitet und sich auch dort gehalten. ‚Nachrichtenzeit – Meine Unfertigen Erinnerungen’ geben einen bescheiden geschriebenen Einblick in dieses aufregende Leben.

Ruth Hoffmann (Text)

Amos Schliack (Copyright Umschlagabbildung)

Informationen: www.droemer.de

Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit – Meine unfertigen Erinnerungen
Droemer, 424 Seiten, 22,99 Euro Preis, ISBN 978-3-426-27562-7

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