Gelber Stern,
roter Stern

Inge Deutschkron schrieb das Buch ‚Ich trug den gelben Stern‘ in den siebziger Jahren. Erstmals erschien es schon 1978. Nach wie vor ist das Buch ein Renner. Für Nachkriegs-Deutsche ist der schonungslos ehrliche Bericht eine Möglichkeit, in die Welt einer Jugendlichen einzutauchen, die nur wegen ihrer Herkunft zur Verfolgten einer menschenverachtenden Meute wird.

Oft stellen wir, die ‚weiße Generation‘, uns die Frage, warum so viele Juden und andere Verfolgte in Nazi-Deutschland geblieben sind. Warum sind sie nicht rechtzeitig gegangen? Warum sind sie nicht gegen die Nationalsozialisten vorgegangen? Inge Deutschkron gibt Antworten. Sie hat in ihrer eigenen leidvollen Geschichte erfahren, wie es so weit kommen konnte.

Ihr Vater war Lehrer und engagierter Sozialdemokrat. Er wollte nicht glauben, was seinen unheilvollen Anfang nahm am Beginn der dreißiger Jahre. Mit Mühe entging er der Verhaftung, mit Mühe bekam er ein Visum für England, weil eine Cousine für ihn bürgte. Er reiste ab im April 1939. Zwar wollte er Frau und Tochter schnellstmöglich nachholen, aber es war zu spät. Am 1. September 1939 begann der Krieg und damit auch die grausame Verfolgung und Vernichtung einer großen Gruppe Deutscher, der Juden. Da war Inge gerade 17 Jahre alt. Die Verbindung nach England riss ab.

Inge Deutschkron musste zusammen mit ihrer Mutter untertauchen. Aber die beiden Frauen mussten auch arbeiten, um zu überleben. Die junge Inge will sich auch nicht immer den Pogrom-Gesetzen unterwerfen. Sie möchte leben wie andere Jugendliche auch. Doch innerhalb kürzester Zeit muss sie erfahren, dass dies nicht möglich ist. Zusammen mit anderen Verfolgten sieht sie das Unfassbare geschehen. Freunde, Verwandte und Bekannte werden ‚abgeholt‘. Das Morden hat begonnen. Aber nur vereinzelt dringen Nachrichten aus den Konzentrationslagern durch. Was dort wirklich geschieht, wissen die Wenigsten.

Die beiden Flüchtlinge schaffen es, mit Hilfe von Freunden und wohlmeinenden Fremden, sich durchzuschlagen. Sechs lange Jahre hausen sie in kleinen Hinterzimmern und in einem umgebauten Stall. Als in den letzten Kriegsjahren vertriebene Sudetendeutsche nach Berlin kommen, mischen die beiden Frauen sich darunter und lassen sich versorgen. Sei bekommen Ersatz-Papiere, da sie ihre auf der vermeintlichen Flucht ‚verloren‘ haben. Das Überleben ist zum täglichen Kampf geworden. – Und dann ist es vorbei. Der Krieg ist aus. Die beiden Frauen dürfen wieder sie selbst sein.

Doch auch das wird zu einer anderen Erfahrung als vermutet. Inge ist Berlinerin. Sie fühlt und fühlt sich als Deutsche. Und sie möchte ihr Heimatland wieder mit aufbauen und in eine bessere Zukunft führen. Deshalb zeigt sie – wie ihr Vater ehedem – großes Engagement in der SPD. Sie arbeitet im sowjetischen Sektor in der Zentralverwaltung für Volksbildung. Nach Vorstellung der Russen sollen die Sozialdemokraten zu der Kommunistischen Partei übertreten. Wer sich dem widersetzt und eine andere Politik verfolgt, wird verhaftet. Dem kann Inge Deutschkron gerade noch entgehen, weil sie gewarnt wurde. Nun bleibt ihr nur noch die Ausreise zusammen mit ihrer Mutter zum Vater nach England. Ein Schritt, den sie nur widerwillig geht.

‚Ich trug den gelben Stern‘ ist ein Buch, das jeder Deutsche gelesen haben sollte. Es hilft zu verstehen, was eigentlich nicht zu begreifen ist.

Text: Ruth Hoffmann

Cover © dtv

Inge Deutschkron: Ich trug den gelben Stern
dtv, 224 Seiten, 8,90 Euro [D] 9,20 Euro [A], 12,90 SFR [CH], ISBN 978-3-423-30000-1

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