Die Stadt im Himmel

„Die Geschichte Jerusalems“, sagt Simon Sebag-Montefiore, „ist die Geschichte der Welt.“ Denn, so der Londoner Historiker, die Stadt verkörpert wie keine andere den Brennpunkt großer Konflikte während dreier Jahrtausende; sie wird noch heute von drei Weltreligionen als Heiligtum verehrt, von einem Teil auch jeweils mit Anspruch auf alleinige Geltung.

Eingang zum Heiligen Grab

Sebag-Montefiore hat es unternommen, die gesamte Geschichte Jerusalems von den frühesten Zeugnissen bis heute anhand der Quellen darzustellen. Er verzichtet dabei auf den bei uns typischen wissenschaftlichen Stil, der zu jedem Satz unmittelbare Quellen liefert, zugunsten einer durchlesbaren, dramaturgisch packenden Darstellung.

Modell des Herodianischen Tempels

Der Untertitel ‚Die Biographie‘ sagt etwas über den Anspruch: Es geht dem Autor nicht um eine enzyklopädische Zusammenfassung der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, sondern um eine geschlossene, lesbare Schilderung des ‚Lebens‘ dieser einzigartigen Stadt, die er unter anderem so charakterisiert:

„Jerusalem ist die Heimat des alleinigen Gottes, die Hauptstadt zweier Völker, das Heiligtum dreier Religionen und die einzige Stadt, die sowohl im Himmel als auch auf der Erde existiert.“ Im Mittelalter galt sie als Mittelpunkt der Welt, und wenn man die heutigen weltweiten Konflikte betrachtet, scheint sie es immer noch zu sein.

Die sogenannte Klagemauer

Bei aller stringenten und spannenden Darstellung der turbulenten Geschichten gelingt es Sebag-Montefiore leider nicht immer, seinen Drang zu zügeln, uns seine anscheinend enorme Belesenheit darzulegen. Die Folge ist, dass sich die Fußnoten, die sich auf fast jeder Seite bis auf die folgende ausdehnen, wie ein zweites, paralleles Buch lesen. Manchmal konkurrieren die Fußnoten geradezu mit dem eigentlichen Text. Man kann sich also in den Fußnoten festlesen und den Faden zum Haupttext verlieren. Es scheint auch selten plausibel, warum bestimmte Dinge in den Fußnoten stehen statt im Haupttext.

Die ‚Biographie‘ über Jerusalem stand viele Monate auf den Bestsellerlisten in den USA und verkauft sich auch international gut, auch bei uns. Vielleicht nicht zuletzt deswegen, weil es ihr gelingt, die Faszination des Mythos Jerusalem zu vermitteln. Denn der Mythos ist nach Auffassung des Autors viel bedeutender als die Tatsachen. Sebag-Montefiore zitiert einen palästinensischen Historiker, Nazmi al-Jubeh, mit dem Satz: „Man sollte mich in Jerusalem nicht nach geschichtlichen Fakten fragen. Zieht man die Fiktion ab, bleibt nichts übrig.“

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Photos)

Simon Sebag-Montefiore: Jerusalem. Die Biographie
S.Fischer Verlag Frankfurt/M.
912 Seiten, gebunden, 28 Euro.
ISBN 978-3.10.050611-5
Informationen: www.fischerverlage.de
www.simonsebagmontefiore.com

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