Im Reich von König Dampf

Ohrenbetäubendes Rattern und Dröhnen, der Boden bebt; die Augen brennen vor Dampf, Schweiß und Staub; die Muskeln schmerzen vor Anstrengung an den Hebeln der Maschinen: so erlebten Arbeiterkinder im 19. Jahrhunderts ihre jungen Jahre. Im Museum für Frühindustrialisierung des Historischen Zentrums Wuppertal steht am Eingang ein (künstliches) Kaltblutpferd, das friedlich sein Heu zu verzehren scheint. Es steht für die „gute alte Zeit“, als Muskel-, Wind- und Wasserkräfte den Rhythmus der Arbeit bestimmten.

Modelle alter Mühlen, Kotten und anderer Mechanismen sind hier nicht nur still zu bewundern, sondern lassen sich auch einzeln in Gang setzen. Amüsante Karikaturen stimmen auf das Thema ‚Industrialisierung’ ein. An Medientischen ziehen die Jahrtausende vom Anfang aller Technik, dem Faustkeil, über die alten Griechen und Römer bis in die Neuzeit zur ersten Dampfmaschine 1712 im Zeitraffer vorbei. Danach ist der ‚Fortschritt’ nicht mehr zu bremsen. Die Dampfmaschine aus dem Jahr 1900 steht gleich im Original da.

Abenteuer: Der Zeittunnel

Neben ihr schimmert im irisierendem Blaulicht der „Zeittunnel“. Hier überschreitet man buchstäblich die Schwelle zur Welt des tickenden Sekundenzeigers: Von jetzt an ist Zeit Geld. Der Rhythmus von Tag und Nacht, die Launen von Wind, Wetter und Gewässer, die natürlichen Grenzen der Kräfte von Mensch und Tier sind allesamt aufgehoben.

Durch einen Vorhang aus Gummiplatten betritt man die dunkle Kammer. Plötzlich rasen die Webstühle von beiden Seiten auf einen zu – zum Glück nur auf den Großbildschirmen. Doch der Fußboden wackelt wirklich. Die Webstühle sind so geschickt aufgenommen, dass man glaubt, sie seien riesengroß, wie sie in Kinderaugen sind. „Was wir nicht nachstellen konnten“, sagt eine Museums-Mitarbeiterin, „ist der Schmutz und die Luftfeuchtigkeit.“ Aber auch ohne dies sind die Minuten in der „Schreckenskammer“ unvergesslich.

Maschinen, die funktionieren

Über eine Treppe erreicht man den Maschinensaal im ersten Stock. Für angemeldete Gruppen, oder wenn Zeit und Andrang es zulassen auch für einzelne Besucher, wird jede Maschine in Gang gesetzt. Viele der Spinn- Wirk- und Webmaschinen sind so ausgelegt, dass sie von Kindern angetrieben werden. „Kinderleicht“ nannten die Fabrikanten diese Knochenarbeit. Man ist froh, wenn das Geratter wieder abgestellt wird. Kein Wunder, dass damals so viele Menschen taub waren! Ein Stück selbstgewebtes Band oder Spitze darf man als Souvenir mitnehmen.

Kinder mussten in Maschinen schuften

Vom sechsten Lebensjahr an mussten die Kinder in den Fabriken schuften. Von 6 Uhr morgens bis 19 Uhr am Abend mit einer Stunde Mittagspause. Danach konnten sie noch für zwei Stunden in die Schule, wo man ihnen hauptsächlich Katechismusverse einbläute.

Die einzelnen Schritte der Textilgewinnung sind zu erleben, von den Baumwoll-Plantagen bis hin zum Textildruck; alles von der Hand- zur Maschinenarbeit. Revolutionär in der Geschichte war 1764 die ‚Spinning Jenny’, ein Handspinnrad, mit dem statt der üblichen einen Spindel 16 bis 18 Fadenrollen besponnen werden konnten.

Lochkarten im 19. Jahrhundert: Jacquard-Technik

1821 gab es hier schon den ersten Jacquard-Webstuhl – und zwar mit modernster Lochkartentechnik. Was später die Grundlage der Computertechnik war, kam schon im 19. Jahrhundert in der Weberei zum Einsatz. Bündelweise liegen die Lochkarten für die unterschiedlichsten Vereins-Embleme in den Regalen des Museums. Wer genau hinschaut, findet eventuell noch die Embleme seines Fußballvereins dazwischen; denn die Technik wurde bis ins 20. Jahrhundert benutzt.

Die Stube eines Bandwebers in Heimarbeit zeigt die kargen Verhältnisse dieser Zeit. Die Bandmühle und ein Drehkreuz, ein Stuhl, ein Ofen mit Pfanne und Kessel, ein Spiegel und ein Regal für die wenigen Habseligkeiten sind alles. An der Wand noch ein Vogelbauer, der einzige ‚Luxus’, der Gesang eines Piepmatzes.

Hier kommt das Geld rein

Luxuriös und repräsentativ steht dagegen das Kontor des Fabrikanten mit Intarsienmöbeln, einem Schreibpult mit Ölleuchten, dem reich verzierten Ofen und vielen Musterbüchern. An einem Biographie-Computer können die Besucher sich auf die Suche nach ihren Vorfahren machen, sofern sie in Barmen oder Elberfeld lebten. (Die Stadt ‚Wuppertal‘ gibt es erst seit 1929. Bis dahin waren die heutigen Stadtteile selbständig.)

Mit der Industrialisierung zog auch die Armut ein und damit die ‚deutsche’ Notwendigkeit ihrer Verwaltung. Bis 1853 lag die Versorgung der Armen ganz in den Händen der Kirchen. 1853 wird die Armenverwaltung in Elberfeld grundsätzlich neu organisiert. Die Kommune übernimmt die Aufgaben. Freiwillige Spenden werden in den kommunalen Haushalt übernommen. Dieses sogenannte ‚Elberfelder System’ wird bald in der ganzen Welt kopiert.

Neben dem Museum für Frühindustrialisierung gehört zum Historischen Zentrum Wuppertal das Friedrich-Engels-Haus, das Leben und Werk eines der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus zeigt. Es ist übrigens ein beliebter Wallfahrtsort für Gäste aus der Volksrepublik China.

repor-tal (Text & Photos)

Historisches Zentrum Wuppertal, Museum für Frühindustrialisierung, Engels-Haus, Engelsstr. 10/18, 42283 Wuppertal

Telefon 0202/ 56 34 375

Öffungszeiten: Di. 13 – 18 Uhr, Mi. 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Fr. – So. 10 – 18 Uhr. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 4, für Kinder 2 Euro.

Information: www.historisches-zentrum-wuppertal.de

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