Der Mythos von der Macht der Stimme

 
Melchior Lechter: Orpheus, Vorstudie, 1896, Pastell, 34,5 x 46 cm, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster © Foto: Hanna Neander

Kaum ein Stoff hat Kunstschaffende so vielfältig emotional berührt und zu individuellen Darstellungen angeregt wie der Mythos vom Sänger Orpheus, der Glück, Trauer, Tod und grausames Schicksal ebenso in sich birgt wie Zweifel und Kühnheit künstlerischer Inspiration. Orpheus faszinierte Kunstschaffende aller Sparten und Zeiten, so dass er zum Prototyp des Musikers und Künstlers schlechthin wurde. 

Ossip Zadkine: Orpheus, 1948, Bronze, 203,5 x 61 x 74,5 cm, Lehmbruck Museum, Duisburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Foto: Bernd Kirtz

Das Bonner Museum August Macke Haus zeigt vom 11. Oktober 2019 bis zum 16. Februar 2020 die Ausstellung Orpheus – Traum und Mythos in der modernen Kunst. Der Sänger und Dichter kann Menschen und Tiere, selbst Bäume und Felsen, in verzücktes Lauschen versetzen. In seiner Trauer um die Geliebte Eurydike erweicht er mit seinem Gesang die Götter und darf sie aus dem Totenreich herausführen. Doch entgegen dem Verbot dreht er sich dabei zu ihr um und verliert sie endgültig. Nach dem tragischen Verlust wendet er sich gänzlich von den Frauen ab, worauf ihn die Mänaden in Stücke reißen. Sein weiter singendes Haupt wird auf Lesbos bestattet und begründet dort die Orphischen Mysterien.

Orpheus‘ Fähigkeit, in alle Lebensbereiche fesselnd hineinzuwirken, war richtungsweisend für das umfassende, ganzheitliche Kunstverständnis nicht nur August Mackes, sondern auch der jungen, nach Neuem strebenden Künstlergeneration zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 

August Macke: Orpheus mit den Tieren, um 1912/13, Stickerei ausgeführt von Sophie Gerhardt und Katharina Koehler, vor 1917, Rattan-Lehnstuhl, 110 x 68 x 75 cm, Museum August Macke Haus © Foto: David Ertl

Ausgangspunkt der Ausstellung ist der sogenannte Orpheus-Sessel, eines der wenigen erhaltenen Möbelstücke aus dem ehemaligen Wohn- und Atelierhaus von August Macke, den eine von ihm um 1912/13 entworfene Stickerei mit der Darstellung des Orpheus inmitten von Tieren ziert. 

Für August Macke und sein Werk ist das Orpheus-Motiv von nahezu programmatischer Bedeutung. Schon früh beschäftigte es ihn und führte ihn ins Zentrum seiner künstlerischen Vorstellungen: auf die Suche nach einer harmonischen, arkadischen, von der Schönheit des Lebens kündenden Kunst. 

Maßgeblichen Einfluss auf August Mackes Kunst hatte schließlich ab 1912 der Orphismus, eine Richtung der französischen Avantgarde-Malerei, die analog zur reinen Musik ausschließlich und losgelöst vom Gegenständlichen auf den dynamischen Kräften reiner Farben und ihren raumbildenden Energien basiert. 

Ausgehend von August Macke und seinem Werk entfaltet die Ausstellung die künstlerische Verarbeitung des Mythenstoffes in einem spannungsvollen Wechsel internationaler Positionen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in dem August Mackes künstlerische Anfänge wurzeln, bis in die heutige Zeit. Von symbolhaften Verdichtungen in Gemälden und Skulpturen über graphische Folgen bis hin zu Bühnenentwürfen und kunsthandwerklichen Arbeiten enthält die Schau alle Spielarten künstlerischer Gestaltung.

Text: Museum AMH / repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung Museums August Macke Haus

Informationen: www.august-macke-haus.de

Adresse: August Macke Haus, Hochstadenring 36, 53119 Bonn

Telefon: 0228 / 65 55 31

Öffnungszeiten ab dem 10. Oktober 2019: dienstags, mittwochs und freitags bis sonntags, sowie feiertags 11 – 17 Uhr, donnertags 13 – 21 Uhr

Eintritt: 9,50 Euro

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