Bilder, Blicke, entlarvendes Schweigen

Im September 2011 hat die Kölner Künstlerin Maria Antonia Bußhoff ihr neues Triptychon erstmals im kleinen Kreis vorgestellt. Triptychen sind typischerweise an kirchlichen Hochaltären zu finden. Das Zentralbild zeigt in der Regel die Kreuzigung. Ein Kreuz ist auch im zentralen Bild dieses Triptychons enthalten, wenn auch nur in den Konstruktionslinien.

Maria Antonia Busshoff, Triptychon: korrespondierende Blicke

Es zeigt eine Frau im grauen Kostüm, die in sitzender Haltung mit verschränkten Beinen vor einem schattenlosen Hintergrund schwebt. Ihr Gesicht ist von Schreck oder Abscheu verzerrt; die Hände scheint sie wie zur Abwehr vor sich zu kreuzen. Rechts von ihr schwebt ebenfalls schattenlos ein grauer Becher.

Kommunikation und Diskriminierung - die linke Tafel

Die linke der wandhohen Tafeln zeigt außen ein Raster von Kameras und Köpfen, letztere angeschnitten über die Schulter mit Blick auf das Mobiltelefon, im unteren Eck Hitler in seiner typischen Grußpose mit nach oben und rückwärts abgewinkelter Hand. Rechts des Rasters in Richtung auf das Zentralbild stehen drei Ganzkörperfiguren, zwei Männer und eine Frau. Der linke Mann im olivgrünen Anzug und Stiefeln wirkt geplättet wie ein Hampelmann; Leib und Beine sind verzerrt, der Kopf mit schiefem Grinsen kippt nach links, die Hände sind nicht sichtbar. Die Frau rechts im knallroten Kleid trägt eine leere Tafel vor der Brust. Die beiden Figuren flankieren einen Uniformierten mit kantigem Kinn, die Augen vom Mützenschirm verschattet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt; die Abzeichen an Koppel, Kragen, Mütze und Armbinde sind zwar ebenso leer wie die Tafel der Frau. Dennoch ist er als NSDAP-Parteisoldat erkennbar.

Hinschauen und wegschauen - die rechte Tafel

Der Rand der rechten Tafel wird von einem Raster aus Quadraten begrenzt, das mit den Kameras und Telefonen am linken Rad korrespondiert. Sie zeigen Ausschnitte von Augenpartien, die den Betrachter starr anblicken, und im Zentrum ein Zitat, das leicht zu entschlüsseln ist: SS-Chef Himmler mit seiner Enkeltochter. Im linken Teil der rechten Tafel, korresponierend zu der Dreiergruppe gegenüber: drei Mädchen im Ballettkostüm, die Augäpfel extrem zu Seite gelenkt. Sie schauen etwas an und wenden sich zugleich davon ab.

Bußhoffs Malstil ist akribisch; monochrome Flächen und Verläufe wie auch feine Details zeigen keine Spuren des Pinselstrichs. Jede Verzerrung, jede Geste und jede Blickachse ist sorgfältig konstruiert. Dennoch gibt es keine vordergründige Botschaft, entzieht sich das Werk einer simplen Entschlüsselung oder verbalen Interpretation. Die Bilder schweigen, und dies ist (wie Robert Gernhardt hervorgehoben hat) was sie einzig macht.

Maria Antonia Bußhoff ist Germanistin, Pädagogin und Meisterschülerin der Düsseldorfer Kunstakademie. Ihre 1993 erschienene Dissertation mit dem Titel „Es ist alles wüst“ hat die Sicht auf Van Gogh stark verändert. Sie bezeichnet sich selbst als „politisch-gesellschaftliche Künstlerin“. Ihr zentrales Motiv ist der Zivilisationsbruch, der Holocaust. „Ausgrenzung und Diskriminierung sind nach 1945 weitergegangen“, so ihre Diagnose, nicht nur für Alltag und Öffentlichkeit, sondern auch für die Kommunikationsstrukturen von Hierarchien wie etwa Behörden.

„Kommerzieller Erfolg auf dem Kunstmarkt ist für solche Arbeiten natürlich nicht zu erwarten“, weiß die Künstlerin selbst. Ausstellungen hatte sie bisher unter anderem in Gedenkstätten wie dem EL-DE-Haus in Köln, der Thomas-Morus-Akademie in Bergisch Gladbach oder der Alten Synagoge in Wuppertal. Wann und wo das jüngste Triptychon erstmals öffentlich zu sehen sein wird, steht noch nicht fest.

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Fotos)

 

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