Drachen schießen übers Wasser

Ein Drachenboot: Hoch über dem knallbunten Drachenkopf am Bug hockt einer und schlägt heftig auf eine Trommel ein. Dabei feuert er rund zwanzig hart arbeitende Paddler an. Im Heck steht einer, der das schlanke Boot mit einem Seitenruder steuert und Kommandos ruft. Die Wirkung ist ebenso beeindruckend wie exotisch.

Guido Wrede
Guido Wrede

Drachenboot-Fahren ist in Europa ein relativ junger Sport. Meist ist es bekannt als Freizeitspaß bei Firmenausflügen. Im Leistungsbereich gab es 1991 die ersten Deutschen Meisterschaften. Und den Titel in einer Klasse holten sich gleich die Drag Attacks. Das sind die Drachenboot-Mannschaften des Vereins für Kanu-Sport in Wuppertal. Guido Wrede (Jahrgang 1964) ist von Anfang an dabei. Er ist heute der Kopf der Drachenboot-Abteilung bei den Drag Attacks; seit 2000 ist er auch Vorsitzender des Vereins.

Sportler und Sportlerinnen tragen ein Drachenboot
Beim Drachenboot müssen alle mit anfassen

Schon mit 13 hatte ihn der Kanusport gepackt. Viele Jahre trainierte er im Kanadier und entdeckte die Drachenboote für sich auf dem Ohio Drachenboot-Festival 1989. Nach seiner Rückkehr schaffte der Verein umgehend ein Boot an, und das Training begann. Doch was machte die ‚Drag Attacks‘ so erfolgreich?

„Das ist unser gutes Training und die ausgefeilte Technik“, sagt Wrede schlicht. „Sonst hätten wir keine Chance gegen körperlich stärkere Mannschaften.“ Zunächst muss die Technik bis ins Feinste ausgefeilt werden. Der Bewegungsablauf muss harmonisch und effektiv sein. Keine Energie darf verschwendet werden. Zum Beispiel kostet es unnötig Kraft, wenn man mit dem Paddel Wasser nach oben schaufelt. Man muss das Paddel an einem bestimmten Punkt hinten gerade aus dem Wasser ziehen und vorne wieder einstechen.

 

Drachenboot in Fahrt
Dre Crew muss alle Bewegungen exakt gleich ausführen

Entscheidend für den Vorschub ist aber, dass alle im Boot absolut synchron paddeln. Damit ist eine 20-köpfige Drachenboot-Mannschaft natürlich noch stärker gefordert als selbst ein Ruder-Achter oder eine Fußball-Elf.

„Als unsere Senior-Damen 2001 erstmalig den Chinesinnen den Weltmeistertitel abnahmen, lag es wirklich allein an ihrer perfekten Synchronisation“, erinnert sich Wrede. „Unsere Frauen trainierten erst seit drei Jahren zusammen. Von daher hätten sie die Chinesinnen niemals schlagen können. Aber sie trainierten mehrmals in der Woche fast immer in derselben Besetzung. Video-Aufnahmen zeigen, wie perfekt sie aufeinander eingespielt waren: Alle Hände und Paddel liegen zu jedem Zeitpunkt genau parallel.“

Guido Wrede
Guido Wrede achtet auf Teamgeist

Wer Drachenboot-Fahren als Leistungsport betreibt, muss vier- bis fünfmal in der Woche trainieren. Ausdauer- und Krafttraining gehört dazu. Innerhalb der ersten zwei Jahre hatte der Verein einen Zuwachs von hundert Mitgliedern. Die ‚Drag Attack in Wuppertal sind inzwischen sogar so bekannt, dass Sportler aus ganz Deutschland bei ihnen mitmachen und zum Training am Wochenende kommen. „Wir veranstalten dann alle drei bis vier Wochen Trainingswochenenden mit mehreren Übungseinheiten“, erklärt Guido Wrede.

Auch an die Trainer stellt der Sport eine besondere Anforderung. Die Mannschaftsgrößen betragen etwa um die 30 Sportler. Da heißt es, die Gruppendynamik zu lenken. „Selbstdarsteller sind beim Drachenboot-Fahren nicht zu gebrauchen“, sagt Wrede. Hier ist Teamgeist gefragt. Das fängt schon bei der Verteilung der Paddler im Boot an. Alles muss berücksichtigt werden: Gewicht, Paddel-Kenntnisse und Leistungskraft. Außerdem hat jeder Paddler seine ‚Schokoladenseite‘, auf der er am stärksten ist. Am leichtesten tun sich Sportler, die schon Erfahrung im Kanusport haben. Aber auch jeder Quereinsteiger ist willkommen. „Ich kenne auch Leute, die mit 35 Jahren angefangen haben“, versichert Guido Wrede. „Aber das erfordert viel Willenskraft und gute Zeitplanung, denn dann muss man wirklich jeden Tag trainieren, um die fehlenden Jahre zu kompensieren.“

Drachenboot-Trommlerin
In luftiger Höhe über dem schmalen Bug: Trommlerin

Doch abgesehen vom Leistungssport: Drachenboot-Fahren ist für jedermann geeignet. Was dazu gehört, ist eine gewisse Affinität zum Wasser und das Gefühl für das Gleichgewicht. Das ist übrigens besonders für den Trommler wichtig. Der sitzt erhöht auf einem schmalen Hocker auf dem Bug.

Dort nimmt er den Rhythmus der Schlagleute auf, das sind die ersten beiden Paddler im Boot. Sie geben Takt und Geschwindigkeit an. Da bei Rennen die Paddler im Heck einen Rhythmuswechsel verpassen könnten, hören sie auf den Schlag der Trommel. Im Heck steht der Steuermann, der das Boot auf Kurs hält. Er steht im ständigen Blickkontakt mit dem Trommler, sie beide müssen die Mannschaft motivieren.

Traditions-Drachenboote sind aus Holz. Sie können bis zu 25 Meter lang sein und bis zu hundert Paddler aufnehmen. Die nach europäischen Standards genormten Renn-Drachenboote sind knapp zwölfeinhalb Meter lang ohne Kopf und Schwanz, die abnehmbar sind. „Aber für mich gehört es bei einem Rennen dazu, dass die Boote auch dem traditionellen Erschienungsbild entsprechen“, schwärmt Guido Wrede.

Mit dem Drachenboot kann man nicht nur Regatten fahren, sondern auch Flusstouren. Wer einmal eine Paddeltour im Drachenboot ausprobieren möchte, kann über den Deutschen Kanu-Verband Vereine oder auch Events in seiner Nähe finden.

Ruth Hoffmann (Text)

repor-tal (Photos)

Informationen: www.kanu.de, www.drachenboot.de, www.dragattack.info

 

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