Vom Leben getrennt, im Tango verbunden

Ein letzter Tango – María Nieves © German Kral Filmproduktion
Ein letzter Tango – María Nieves © German Kral Filmproduktion

Der Film ‚Ein letzter Tango‚, seit April in deutschen Programmkinos, dokumentiert das Leben der Tango-Legenden María Nieves und Juan Carlos Copes. Heute sind sie 81 und 84 Jahre alt. Erstmals sind sie  einander 1948 als Teenager in einem Tango-Club in Buenos Aires begegnet. Das 14jährige Dienstmädchen aus ärmsten Verhältnissen und der 17jährige Tango-Begeisterte verliebten sich, wurden ein Paar und prägten mit ihrer gemeinsamen Kunst die nächsten 50 Jahre.

Traumpaar auf der Bühne: María Nieves & Juan Carlos Copes © Personal Archive Juan Carlos Copes
Traumpaar auf der Bühne:
María Nieves & Juan Carlos Copes
© Personal Archive Juan Carlos Copes

“Als ich zum ersten Mal Tango tanzte, strömte er von den Füßen in meinen Körper, von meiner Haut in mein Blut und mit dem Blut direkt in mein Herz. Man braucht für ihn keine Akrobatik, sondern einzig Hingabe an den eigenen Herzschlag”, erzählt María Nieves. “Tango ist für mich der einzige Tanz, der Vorstellungskraft und Kreativität so befeuert, dass man in nur drei Minuten ohne Worte eine große Geschichte von Liebe oder Hass erzählen kann”, sagt Juan Carlos Copes.

Tango auf dem Tisch: María Nieves & Juan Carlos Copes © Personal Archive Juan Carlos Copes
Tango auf dem Tisch:
María Nieves & Juan Carlos Copes
© Personal Archive Juan Carlos Copes

An diesem ersten Tanzabend 1948 forderte Juan María auf, doch sie lehnte ab. Ihre Schwester La Ñata, eine aufstrebende Tango-Tänzerin, verbot ihr das Tanzen, weil sie noch zu jung war. María Nieves wartete ein ganzes Jahr, bis sie Juan wiedersah und seine Aufforderung annehmen konnte. Neben ihrer Leidenschaft für den Tango, den sie sich bis dahin mit einem Besen als Partner selbst beigebracht hatte, verband sie mit Juan die Begeisterung für Hollywood-Musicals mit Gene Kelly und Cyd Charisse. Sie inspirierten das Paar, dem Tango eine neue Richtung zu geben – der Tanz als Show und Beruf. In einer Zeit, in dem Tango als Zeitvertreib und Amüsement der armen Leute in Milongas getanzt wurde, war dies revolutionär. Nieves und Copes brachten der Tango-Show ihre bis heute klassischen Motive: Messerkämpfe zwischen Männern, Milonga-Tanzen auf einer Tischplatte, die leidenschaftliche Eroberung der Partnerin und Volkstänze von Immigranten, die langsam in Tango übergehen.

Nach einem schwierigen, existenzbedrohenden Start in Südamerika und New York wird das Paar zu einem weltweiten Tango-Phänomen, ihre Beziehung jedoch zum Alptraum. Die in Hinsicht auf ihre Karriere eher unambitionierte María Nieves will heiraten, bei ihrer Mutter in Buenos Aires sein und mit Juan Carlos auf lokalen Milongas tanzen: “Aber ich habe einen Verrückten getroffen und bin ihm gefolgt.”

Juan dagegen will mit seiner Choreographie die Welt erobern – und so viele Frauen wie möglich. Bereits 1956 hatte er nach Astor Piazzollas Musik ein Show-Konzept mit Choreografie und Handlung entwickelt, traf den einflussreichen Musiker aber erst nach Touren durch Mittelamerika, Venezuela, Brasilien, Kuba und Mexiko in Mexiko City. Piazzolla verschafft Nieves und Copes ihr Debüt in den USA und im amerikanischen Fernsehen. Zunächst leben sie in New York von der Hand in den Mund, aber halten über mehrere Jahrzehnte an der Zusammenarbeit fest. Ihre ersten Tourneen in dieser Zeit dauern jeweils zwei bis drei Jahre; denn das Geld reicht nicht für ein Rückflug-Ticket.

Juan Carlos Copes © Gabriela Malerba
Juan Carlos Copes © Gabriela Malerba

Zwar heiraten die beiden 1965 in Las Vegas, kaufen ein Haus in Buenos Aires und touren weltweit, bleiben ihrer Kunst sogar in den schwierigen Jahren der argentinischen Militärdiktatur treu, aber nach ein paar Jahren zerbricht die Ehe. Doch auch nach ihrer Scheidung bleiben María Nieves und Juan Carlos, obwohl sie sich gegenseitig verrückt machten, ein Tanzpaar: Sie weiß nicht, was sie sonst tun sollte und er findet niemanden, der sie ersetzen kann: “Mit anderen Frauen kann ich tanzen, aber mit ihr kann ich glänzen.”

Für María kommt der emotionale Wendepunkt 1972. Juan Carlos Copes beginnt eine Beziehung mit einer 20 Jahre jüngeren Frau, wird 1976 Vater und gründet die Familie, die er mit María nie haben wollte. Fast kommt es zur endgültigen Trennung, doch María kehrt 1977 mit ihm auf die Bühne zurück. „Es war schwierig, mit all diesem Hass gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Ich weinte heimlich, begrüßte ihn nicht einmal mehr und brachte alle Gefühle in meinen Tanz. Mein Abscheu vor ihm half meinem Ausdruck beträchtlich! Auf der Bühne sagte ich leise: ‘Gleich trete ich dir auf die Füße…’ Eine sehr negative Energie, aber voller Stolz und Leidenschaft, die mich als Künstlerin wachsen ließ.” Ihre gemeinsame Show ‘Tango Argentino’ läutete ab 1983 das weltweite Tango-Revival ein.

María Nieves © Personal Archive María Nieves
María Nieves
© Personal Archive María Nieves

Über die Zeit wurde María Nieves von Trauer überwältigt, überwand die jahrelange Depression jedoch und erfuhr langsam, dass das Publikum sie immer noch liebte: “Zu Beginn meines Comebacks dachte ich, dass die Leute nur aus Mitleid für die ehemalige Muse von Juan Carlos Copes klatschten. Erst nach einer Weile verstand ich, dass sie mich wirklich als eigenständige Künstlerin schätzen.”

Copes arbeitete weiter als Choreograf, unter anderem weiterhin mit Astor Piazzolla (‘Between Borges and Piazzolla’, 1997), dessen musikalische Ideen er in bewegte Formen umsetzte, und mit seiner Tochter Johanna Copes. Er choreografierte Piazzollas erste Tango-Oper, ‘Maria de Buenos Aires’ und wirkte für Raúl de la Torres Musical ‘Funes’ (1993) sowie für Carlos Sauras Kinofilm ‘Tango’ (1998) als künstlerischer Berater. Aber “Einen Tänzer wie ihn wird es nie wieder geben”, sagt María heute.

Lesen Sie morgen, 12. April: Wie der Tango mit der Welt tanzt

Text: repor-tal

Photos mit freundlicher Genehmigung vom Filmverleih Alpenrepublik

Informationen: www.alpenrepublik.de

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