Goldene Nase durch Abkupfern

‚Tradition und Design‘ ist das Motto der Solinger MERKUR Stahlwaren GmbH & Co. KG, die unter anderem den Nassrasierer ‚Futur 700‘ herstellt. (Original links). Das Plagiat (rechts) wurde auf Amazon.de in Text und Bild als MERKUR Rasierer beworben. Geliefert hat der chinesische Anbieter die Fälschung von Ming Shi. Das chinesische Unternehmen kopiert den Rasierer samt der Verpackungskonstruktion mit 2 Sichtfenstern und wirbt dreist ebenso mit ‚Tradition & Design‘.

Auf der Frankfurter Konsumgütermesse ‚Ambiente‘ ist im Februar 2020 zum 44. Mal der Negativ-Preis ‚Plagiarius‘ verliehen worden. Der schwarze Zwerg mit der goldenen Nase soll die Öffentlichkeit auf Produktfälschungen aufmerksam machen.

„Keine Frage, jeder freut sich über ein Schnäppchen“, sagt Christine Lacroix, Sprecherin der ‚Aktion Plagiarius‘. Aber billig sei nicht gleich preiswert. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Plagiaten ist oftmals katastrophal. Auf den ersten Blick machen Plagiate einen guten Eindruck. Viele Plagiate und Fälschungen sind nachweislich aus billigen Materialien gefertigt, schlecht verarbeitet und haben nie eine Qualitäts- oder Sicherheitskontrolle durchlaufen. De facto zeigt sich das u.a. in kurzer Lebensdauer, mangelhafter Elektronik und Funktionalität oder sehr hohen Schadstoffbelastungen. Lebensgefährlich wird es bei gefälschten Felgen, Medikamenten, Motorsägen, Beatmungsgeräten et cetera.“

Den 1. Preis schaffte 2020 das Küchen-Schneidgerät „Nicer Dicer Quick“ Original (links): Genius GmbH, Limburg, Deutschland / Fälschung (rechts): Ningbo A-Biao Plastic Industry & Trade Co., Ltd., VR China Der Fälscher kopiert nicht nur das Produkt- und Verpackungsdesign, sondern auch den Firmennamen „Genius“, den Produktnamen „Nicer Dicer Quick“ sowie Text und Abbildungen der englischsprachigen Bedienungsanleitung. Die billigen Materialen spiegeln die minderwertige Qualität wider: Die Schneidklingen sind eher stumpf und nicht so fest verankert – es besteht ein Risiko des Herausbrechens und somit Verletzungsgefahr.

Begünstigt werde die explosionsartige Ausbreitung von Produkt- und Markenpiraterie durch Globalisierung, Internet, digitale Kommunikation – und durch die gezielte Nachfrage von leichtgläubigen (Online-) Schnäppchenjägern. Beim Original fordern viele Konsumenten sie berechtigterweise faire Herstellungsbedingungen, eine umweltfreundliche, nachhaltige Produktion und garantierte Qualität und Sicherheit. Ein vermeintliches Schnäppchen vor Augen, lösen sich manche Skrupel in Luft auf und es wird nicht mehr nach Sozialstandards in den Fälscherwerkstätten gefragt.

„Plagiate und Fälschungen vernichten Arbeitsplätze und bedeuten Stillstand statt Fortschritt“ so Lacroix. Oftmals billig und unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen hergestellt, verursachen sie teils existenzgefährdende Schäden bei innovativen Original-Herstellern.

Die ‚Trophäe‘: ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase

Die Aktion Plagiarius will Konsumenten auch mehr Wertschätzung für technische und kreativen Leistungen vermitteln, indem sie ihnen vor Augen führt, dass die Entwicklung eines Produktes von der ersten Idee über Design, Konstruktion, Zertifizierungen und Prototypenbau bis zur Marktreife viel Zeit, Geld, Know-how, Mut und Innovationskraft kostet. Dafür steht auch die Trophäe des Negativ- Preises: Ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – Symbol für die Profite, die ideenlose Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten von Kreativen und der Industrie erwirtschaften. 

Nach Angaben der Initiatoren haben bereits zahlreiche Nachahmer aus Furcht vor der Prämierung mit dem ‚Plagiarius‘ eine Einigung mit dem Originalhersteller gesucht und beispielsweise Restbestände der Plagiate vom Markt genommen, Unterlassungserklärungen unterschrieben oder ihre Lieferanten offengelegt. 

Täuschend ähnlich: Verpackungsdesign „maria sole Caffè Espresso“ Original (links): Caffè Cultura GmbH, Düsseldorf, Deutschland / Plagiat (rechts): Torrefazione S. Francesco SAS (Mondial Caffè), Bastia Umbra, Italien

Insbesondere beim Kauf im Internet sollten Verbraucher daher genau hinsehen, auf ihren gesunden Menschenverstand hören und nicht voreilig und kritiklos auf ‚Kaufen‘ klicken: Ist der Preis unrealistisch günstig? Klingt der Domainname seltsam? Gibt es ein SSL-Zertifikat (https)? Ist ein vermeintliches Trust-Siegel verlinkt? Zudem ist es sinnvoll Impressum, Zahlungsbedingungen (Achtung bei „nur Vorkasse“), Widerrufmöglichkeiten und die allgemeine Seriosität des Anbieters sorgfältig zu prüfen, damit man kein leichtes Opfer von Betrügern wird. 

Die ausgezeichneten Artikel sind vom 14. Februar 2020 an zu sehen im Museum Plagiarius in Solingen.

Text: Aktion Plagiarius / repor-tal

Photos: Museum Plagiarius e.V.

Informationen: www.museum-plagiarius.de

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