Schonzeit war nie

Schonzeit vorbei nennt Juna Grossmann ihren Report Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Schonzeit vorbei? Als ob es sie je gegeben hätte. ‚Schonzeit‘ gab es nach dem 2. Weltkrieg für Mitläufer, Täter – nicht für die Überlebenden. Die wahnhafte Phobie gegen die Juden ist offensichtlich so tief im Weltbild unserer Kultur verdrahtet, dass kein noch so offensichtlicher Widerspruch zur Realität die betroffenen Gehirne kurieren kann.

Juna Grossmann (Jahrgang 1976) hat im Jüdischen Museum Berlin gearbeitet. Selbst Besucher dieses Museums, also Menschen, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie ein einigermaßen an der wirklichen Geschichte orientiertes Weltbild haben, konfrontieren sie mit den plattesten Klischees und Vorurteilen gegen die Juden: Ihre Heimat sei Israel, sie seien irgendwie an der Verfolgung (auch) selbst schuld, sie hätten besonders großen Einfluss auf die Medien beziehungsweise Banken und Kapital – und was dergleichen Verschwörungstheorien mehr sind.

Uralte Verleumdungsmythen wie die Brunnenvergiftung tauchen in aktualisierter Form wieder auf: Selbsternannte ‚Befreier Palästinas‘ aus dem Spektrum der politischen Linken oder aus kirchlichen Kreisen fabulieren auf Veranstaltungen davon, Israel vergifte das Trinkwasser für Gaza.

Die gegen den jüdischen Teil der Menschheit gerichtete Phobie ist das soziopathologische Erbe des christlichen Abendlandes. Sie ist in den vergangenen zwei Jahrtausenden in unterschiedlichen Regionen Europas mit unterschiedlicher Virulenz und in immer wieder verschiedenen Masken aufgetreten; denn sie beherrscht auch den Winkelzug des Selbstbetruges und tarnt sich vor sich selbst mit den verschiedensten vorgeschobenen Motiven: mal Religion, mal Sozialneid, mal Rassismus, neuerdings auch UN-Resolutionen.

Hinzu kommt, dass der rassistisch umgefärbte Judenhass der Nazis die islamische Welt inzwischen so weit infiziert hat, als diese sich bewusst oder unbewusst den Westen zum Vorbild ihrer ökonomischen Bestrebungen gemacht hat. Im Nahen Osten ist er mehrere Generationen lang politisch instrumentalisiert und im Weltbild vieler Menschen tief eingepflanzt worden von Kräften, die jetzt die gesamte westliche Zivilisation zum Feind erklärt haben, vor allem aber deren lokalen Außenposten, den Staat Israel. Heute versucht die Judeophobie sich gern wieder salonfähig zu machen und kommt als ‚Israel-Kritik‘ oder als ‚Palästina-Solidarität‘ geschminkt daher.

Richtig ist Grossmanns Feststellung, dass die Träger und Verbreiter solcher Obsessionen Argumenten nicht zugänglich sind. Wer schon angesichts der übermächtigen Wirklichkeit die Augen verschließt, wird sich von Worten wohl auch nicht von seinem selbst gewählten Kurs der Vernunftwidrigkeit abbringen lassen.

Richtig ist auch ihre weitere Beobachtung: dass nämlich die sogenannten ’sozialen Medien‘ die Brisanz jeglicher Massenpsychosen ganz gewaltig verschärfen. ‚Wenn alle eine Stimme haben, tönen die Arschlöcher am lautesten‘ sagt der amerikanische Wissenschaftler Joichi Ito. Die nächsten Invektiven und Attacken gegen Juden oder was dafür gehalten wird, sind wahrscheinlich im Web organisiert.

Deshalb hat Juna Grossmann Recht mit ihrem Appell: „Steht zu uns, helft uns, greift ein! Denn auch für euch ist die Schonzeit vorbei.“

Text: Jan-Peder Lödorfer

Titelbild mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Informationen: www.droemer-knaur.de

Juna Grossmann: Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus
Droemer Verlag, ca. 160 Seiten, Broschur
14,99 Euro
ISBN 978-3-426-27775-1

Die Autorin betreibt einen eigenen Blog: irgendwiejuedisch.com
und nennt eine Reihe von Organisationen, die den Kampf gegen die Judeophobie unterstützen:

Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der ZWIST e.V.

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin RIAS

Rent a Jew

Amadeu-Antonio-Stiftung

Antidiskriminierung in der Arbeitswelt

Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus

Pädagogik zwischen Islam, islamfeindlichkeit und Islamismus

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