Jäger und Heiler: Schamanen

© Medienkontor
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Schamanentum ist in. Echte Schamanen und selbsternannte sind über die ganze Welt verteilt und treten mehr oder minder erfolgreich in Verbindung mit der Welt der Geister. Aber woher kommt ihre Zunft eigentlich, wie haben ihre Vertreter gelebt, was war ihre Kunst, und wie wurde jemand ein Schamane? Solche Fragen beantwortet eine Sonderausstellung, die das Neanderthal Museum in Mettmann bei Düsseldorf erstmals in Deutschland in dieser kompakten und konzentrierten Form zeigt.

SchamanenfigurCarolin Breckle &Maria Schumann © rem
Schamanenfigur
Carolin Breckle &
Maria Schumann © rem

In Sibirien ist der Schamane für seine Gemeinschaft als Heiler ebenso wichtig wie als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits. „Jede größere Gemeinschaft hatte ihren Schamanen“, erklärt Dr. Wilfried Rosendahl vom Reiss-Engelhorn-Museum (rem) in Mannheim. Die Ausstellung wurde von den Mannheimer und Mettmanner Wissenschaftlern gemeinsam konzipiert.“Das Schamanentum und seine Alltags- und Ritualgegenstände sind über Jahrtausende erhalten. Deshalb passt dieses Thema sehr gut zu dem urzeitlichen Kerngebiet unseres Hauses“, erklärt Dr. Bärbel Auffermann vom Neanderthal Museum. Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist eine konzentrierte Auswahl von Exponaten aus der Sammlung Gabriel von Max*, die seit 1917 im Besitz der Stadt Mannheim und heute des rem ist. Doch auch dort war die heutige Ausstellung noch nie in dieser Form zu sehen.

VorratsdoseCarolin Breckle & Maria Schumann © rem
Vorratsdose
Carolin Breckle & Maria Schumann © rem

Die Exponate im Neanderthal Museum zeigen das Alltags- und Ritualleben der Schamanen. So erzählt die Ausstellung den Lebenslauf eines Schamanen von der Geburt bis zu seinem Wirken als Heiler. Als Schamane wurde man nicht geboren, sondern dazu gemacht. Im Allgemeinen suchten sich die Schamanen ihre Nachfolger selbst aus und wiesen diese in ihre Geheimnisse ein. „Als Schamanen wurden oft Menschen mit Besonderheiten berufen, die sie als außerordentlich befähigt für die Verbindung mit der Geist-Welt auszeichneten“, so Rosendahl. „Das konnten auch Menschen sein, die eine Krankheit oder eine psychische Auffälligkeit besaßen. Heute wird vermutet, dass zum Beispiel Epileptiker oder Menschen mit autistischen Merkmalen hierfür ausgesucht wurden.“

Schamanenhut mit GehörnCarolin Breckle & Maria Schumann © rem
Schamanenhut mit Gehörn
Carolin Breckle & Maria Schumann © rem

Sie konnten nicht von ihrer Heilerkunst allein leben. Bestenfalls gab es einige Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände als Bezahlung. Dennoch hatten sie einen besonderen Status in ihrer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft vertraute dem Wissen und der Entscheidung ihres Heilers. Er kannte die Mythen und Legenden seines Volkes und den Ablauf der Zeremonien. Er konnte in die Welt der Geister reisen und mit ihnen kommunizieren. Mit ihrer Hilfe sorgte er für das Wohlergehen der Gemeinschaft.

Birkenrindenkörbchen©repor-tal
Birkenrindenkörbchen
©repor-tal

Das Schamanentum hat sich insbesondere in abgelegenen Gebieten erhalten. So sind in der Ausstellung Exponate insbesondere der Völker der Korjaken, Nanai und Čukčen zu sehen. Die Sibirien-Sammlung hat Gabriel von Max in den 1880er Jahren zusammengetragen. Obwohl alle Exponate aus dem 19. Jahrhundert stammen, könnten viele auch aus der Eiszeit sein. Ähnlichkeiten mit urzeitlichen Fundstücken sind geradezu frappierend. Sie zeigen, wie authentisch die Lebensweise und die Rituale durch viele Generationen tradiert wurden. Die rituellen und alltäglichen Gegenstände könnten auch Jahrtausende alt sein, weil sich am Aussehen und der Verarbeitung kaum etwas verändert hat.

Schutzkleidung aus Fischhaut kunstvoll bemalt© repor-tal
Schutzkleidung aus Fischhaut kunstvoll bemalt
© repor-tal

Erstaunlich sind etwa Kleidungsstücke aus Fischhaut oder Darm. „Diese ‚Parkas‘ wurden über der normalen Kleidung getragen und schützen so vor Wind und Nässe, wie heute etwa ein Ostfriesen-Nerz“‚, erläutert Wilfried Rosendahl. „Heute versucht die Bekleidungsindustrie mit High-Tech-Materialien diese natürlich gegebene Wasserabweisung und gleichzeitige Atmunsfähigkeit nachzuahmen.“ So führt die Ausstellung von der Urzeit bis in die Moderne.

High-Tech-Darm-Parka© repor-tal
High-Tech-Darm-Parka
© repor-tal

Die Ausstellung ist bis zum 2. November 2014 im Neanderthal Museum zu sehen. Danach soll sie in weiteren Häusern in ganz Deutschland gezeigt werden. Jedem Besucher steht ein kostenloser Audio-Guide zur Verfügung, der an den Stationen die Exponate und ihre Verwendung und Bedeutung im Leben der Schamanen erklärt.

Die Schau ist noch bis zum 23. September 2018 zu sehen.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg und des Reiss-Engelhorn-Museums

Informationen: www.naturundmensch.de

Adresse: Talstraße 300, 40822 Mettmann

Telefon: 02104 / 97 97 97

Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 4 Euro

Gabriel von Max

Gabriel von Max* Gabriel von Max (1840 bis 1915) war Maler. Doch er befasste sich auch mit naturwissenschaftlichen und parapsychologischen Studien. Hieraus resultierte auch seine Sammelleidenschaft. Seine wissenschaftliche Sammlung umfasste rund 60.000 Objekte, die er auch nach seinem Tod nicht auseinanderreißen lassen wollte. 1917 erwarb die Stadt Mannheim die Pretiosen komplett.

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