Lauten und Lappalien,
Poesie und Blasensteine

Wunderbare Scharade von Ereignissen des 17. Jahrhunderts mit Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler. © Christoph Krey
Wunderbare Scharade von Ereignissen des 17. Jahrhunderts mit Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler. © Christoph Krey

Die Einheit von Musik und Text ist ursprünglich ein typisches Merkmal der Shakespeareschen Dramaturgie, sagt Wolfgang Katschner, Lautenist und Leiter des Barock-Ensembles ‚Lautten-Compagney‘ aus Berlin. Mit dem Programm ‚Peeping at Pepys‘ gastierte das Ensemble zusammen mit der Sopranistin Melanie Hirsch und dem Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler beim Neusser Shakespeare-Festival.

Es war ein typisches ‚Zweitausendeins‘-Projekt im Jahr 2010, die Tagebücher des englischen Barock-Bürokraten Samuel Pepys (sprich: Pieps!) als vollständige Übersetzung herauszubringen. Bis dahin hatte es nur Auszüge gegeben, deren Auswahl stark vom Zeitgeschmack beeinflusst war. Die erste vollständige Übersetzung hat die Aufmerksamkeit wieder auf diesen autobiographischen Amateur gelenkt, von dem sonst wenig die Rede gewesen war.

Die 'Lautten Compagney': Martin Ripper, Peter A. Bauer,  Ulrike Paetz, Birgit Schnurpfeil, Ulrike Becker, Anne von Hoff und Wolfgang Katschner (v.l.n.r.) © Ida Zenna
Die ‚Lautten Compagney‘: Martin Ripper, Peter A. Bauer, Ulrike Paetz, Birgit Schnurpfeil, Ulrike Becker, Anne von Hoff und Wolfgang Katschner (v.l.n.r.)
© Ida Zenna

Pepys hatte seinem Tagebuch in den Jahren 1660 bis 69 alles anvertraut, von der großen Politik bis zu den intimsten Detail seines Liebeslebens und auch seiner Verdauung. Nun kann es, wenn man nicht gerade mit einem ausgesprochen wissenschaftlichen Interesse herangeht, schon etwas ermüdend sein, die privaten und mehr oder weniger trivialen Äußerungen eines Beamten seiner Majestät Flottenbehörde über sich ergehen zu lassen. Allein wegen der schieren Masse sind Pepys‘ Selbstbespiegelungen ja schon schwer verdaulich.

Sopranistin Melanie Hirsch © Ludwig Olah
Sopranistin Melanie Hirsch © Ludwig Olah

Doch sie sind natürlich ein seltenes, weil ungefiltertes, unzensiertes, authentisches Dokument ihrer Epoche. Und so kamen Wolfgang Katschner und der Autor und Dramaturg Christian Filips auf die Idee, Pepys-Passagen mit zeitgenössischer Musik und vor allem auch Liedern zu einem ‚musikalischen Tagebuch‘ zu verschmelzen. In Gustav Peter Wöhler fanden sie den idealen Darsteller, Sprecher und Sänger, in der Barock-Sopranistin Melanie Hirsch die überzeugende Stimme und Darstellerin der Frauenrolle.

Gustav Peter Wöhler verkörpert Samuel Pepys. © Ida Zenna
Gustav Peter Wöhler verkörpert Samuel Pepys. © Ida Zenna

Gustav Peter Wöhler gehört sicher zu den bekanntesten Figuren der deutschen Fernseh-, Kino- und Theaterszene. Gerne tritt er auch noch mit der eigenen Rockband als Sänger auf. „Ich traf ihn vor drei Jahren bei den Thüringer Bach-Tagen“, erzählt Katschner. Wöhler ließ sich für die Idee ebenso begeistern wie Melanie Hirsch, die bekundet: „Ich möchte gern nicht nur singen, sondern auch darstellen, spielen.“

Herausgekommen ist nicht bloß eine lockere Folge von Textvorträgen und Musik des 17. Jahrhunderts, sondern ein Programm aus einem Guss, das gerade durch die Kombination mehrerer Elemente der Musik- und Bühnenkunst das Leben in der aufstrebenden Metropole der 1660er Jahre erspüren lässt, von den rauschenden Festen bis zum verheerenden Brand der Stadt.

Wöhler und Hirsch als Ehepaar Pepys © Christoph Krey
Wöhler und Hirsch als Ehepaar Pepys
© Christoph Krey

Das musikalische Programm ist eng mit den Texten verflochten: Wenn Pepys zum Beispiel beschreibt, wie er seinen neuen Rock zwischen den Opfern der Pest-Epidemie spazieren trägt, spielt die ‚Compagney‘ den ‚Tanz des Todes‘ von John Blow. Die Schilderung der Finanzkrise begleitet Henry Purcells Vertonung eines Trinkspruchs: „… Let our money fly … All worldly care is madness.“

Die erfrischende Interpretation der Lieder und Kompositionen lebt nicht zuletzt von der Spielfreude des siebenköpfigen Ensembles – neben Katschner (Laute) spielen Martin Ripper (Blockflöten), Catherine Aglibut (Violine), Ulrike Paetz (Viola), Ulrike Becker (Gambe), Hans Werner Apel (Theorbe und Barockgitarre) – und den originellen Einfällen des Percussionisten Peter A. Bauer, der ebenso feinfühlig wie versiert sein Arsenal aus allen Teilen der Welt einsetzt, von der Vasentrommel bis zur Nasenflöte.

Im Duett: Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler © Christoph Krey
Im Duett: Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler © Christoph Krey

Wer diese Performance erlebt hat, wird mit einem ganz neuen Bild jener Zeit nach Hause gehen, in der auch Shakespeare seine Dramen und Gedichte schrieb. ‚Peeping at Pepys – Eine Dailysoap aus dem Barock‘ ist wieder zu erleben am 14. September 2014 im Kulturforum Wedel, am 30. September in der Festhalle Pirmasens und am 30. Januar 2015 im Kleinen Theater Schillerstraße, Geesthacht.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.lauttencompagney.de

 

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