Othello – aktueller denn je

Desdemona (Norah Lopez Holden) versucht Othello (Abraham Popoola) von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Das Globe-Theater in Neuss ist wieder zum Leben erwacht und hat seine Bretter für das Shakespeare-Festival eröffnet. Die Company aus der englischen Großstadt Bristol mit dem Namen Shakespeare at the Tobacco Factory startete die Saison mit Othello. Ein gelungener Auftakt, der einen merkwürdigen Zufall in sich birgt.

Im vergangenen Jahr beschloss die Truppe Shakespeare at the Tobacco Factory (stf) das Neusser Festival mit All’s Well That Ends Well. Beim Schluss-Applaus hielten die Schauspieler Eleanor Yates und Craig Fuller demonstrativ zwei Plakate mit dem europäischen Sternenkranz hoch. Großbritannien stand kurz vor der Brexit-Abstimmung. 2017 eröffnete die Truppe aus dem Südwesten Englands die Festspiele in Neuss mit Othello. Und gerade hatten die Briten ihrer konservativen Brexit-Regierung eine enorme Wahlschlappe verpasst.

Auch die Wahl des Shakespeare Stückes Othello spricht für sich. Wahrscheinlich ist dieses Meisterwerk Shakespeares um die Liebe zwischen Schwarz und Weiß, das Intrigenspiel der Missgunst, des Neides und der Eifersucht politischer und aktueller als jemals zuvor in den letzen 400 Jahren.

Iago (Mark Lockyer (vorne) instruiert Roderigo (Brian Lonsdale).

Denn hinter dem Konflikt zwischen den handelnden Personen steht der Jahrhunderte alte Kampf zwischen den rivalisierenden Kulturen des christlichen und des islamischen Einflussgebietes. Wobei es immer interessengesteuerte Brüche und Brücken gab.

Diese Inszenierung wirft Fragen auf: Warum läßt sich Othello von Iago manipulieren? Warum ließen sich die Briten zum Brexit verführen? Warum findet auf der ganzen Welt dieser Rechtsruck, Fanatismus und Extremismus statt?

Eine Liebe dem Untergang geweiht: Othello und Desdemona.

So beginnt das Stück nicht mit den den englischen Versen des Meisters, sondern arabische Töne erklingen. Othello (Abraham Popoola) und Desdemona (Norah Lopez Holden) geben sich das Eheversprechen. Ihre Liebe überwindet alle Hürden. Othello hat sich den Notwendigkeiten unterworfen, um in seiner Welt überleben zu können um anerkannt zu werden. Er trägt das Kreuz gut sichtbar für alle.

Auch wenn Abraham Popoola ein Zwei-Meter-Hüne ist, wird das Spiel von einer Figur beherrscht: Iago. Durchtrieben, verschlagen, seinem Neid und seiner Eifersucht folgend, zieht er alle Fäden der Handlung. Mark Lockyer spielt den Iago als durchtriebene Giftspritze, als Meister der Manipulation.

Das 14-köpfige Ensemble beherrscht Text und Mimik, hält auf der spartanisch ausgestatteten Bühne des Globe nahezu ohne alle technischen Hilfsmittel die Spannung durch bis zum furiosen Showdown der Tragödie. Herausragend die Hauptfiguren: Norah Lopez Holden und Abraham Popoola. Letzterer spielt zunächst sehr zurückhaltend, sonst würde er schon allein wegen seiner Körpergröße die Kollegen von der Bühne fegen. Aber die eigentliche Leistung liegt bei Mark Lockyer, der sich beim Schlussapplaus bescheiden im Hintergrund hält.

Text: Ruth Hoffmann

Photos: The Other Richard, mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics, © stf

Informationen: www.shakespeare-festival.de, www.stf-theatre.org.uk

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