Das Kreuz und
der Bindestrich

Nordrhein-Westfalen tut sich mit Darstellungen der eigenen Geschichte vor 1945 schwerer als andere Bindestrich-Bundesländer, wie etwa Baden-Württemberg. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Nordrhein-Westfalen nicht nur eine zusammengesetzte, sondern auch eine geteilte historische Seite hat; denn es umfasst ja nur eine Hälfte der ehemaligen preußischen Rheinprovinz.

Auch die Grenzen kirchlicher wie weltlicher Verwaltungseinheiten stimmen nicht mit den Landesgrenzen überein. Trotzdem hatte sich der Kirchenhistoriker Erwin Gatz vorgenommen, einen Atlas zur Geschichte des Christentums in Nordrhein-Westfalen herauszugeben. Gatz starb im Jahr 2011, doch rund zwei Jahre später konnte der Verlag an dem Tag, an dem er 80 jahre alt geworden wäre, das fertige Werk vorlegen. Für die Fertigstellung und Herausgabe zeichnet Marcel Albert verantwortlich, Historiker und Benediktiner von Gerleve im Münsterland.

Pater Marcel Albert
P Marcel Albert OSB

Viele – außer vielleicht Kölner Lokalpatrioten – wird es erstaunen, dass der älteste Beleg für die Existenz von Christen im Rheinland schon auf die Antike zurückgeht: Eine Urkunde dokumentiert die Teilnahme eines Bischofs Maternus aus Köln an zwei Konzilien. Karl der Große baute die kirchliche Hierarchie als Teil seiner Reichsverwaltung entscheidend aus. Eine Karte der Reliquien-Transporte in dieser Zeit sieht aus wie das Schema der Verbindungen einer Fluglinie.

Richtig bunt wird die religiöse Landschaft in NRW im 16. Jahrhundert mit der Reformation. Zu den heute noch mit Grausen erinnerten Vorgängen gehörten in dieser Zeit die ‚Hexenprozesse‘. Der geographische Schwerpunkt dieser wahnhaften Verfolgung lag im nördlichen Westfalen/Lippe, damals bestehend aus dem katholisch geprägten Hochstift Paderborn und der protestantischen Grafschaft Lippe.

Ausführlich stellt der Atlas das kirchliche Leben in den Städten ds 18. Jahrhunderts dar: Köln, Münster, Paderborn, Düsseldorf, Bonn, Aachen, Dortmund, und die Entwicklung der Orden bis zur Aufhebung durch Napoleon.

Viele Karten und Texte geben Auskunft über einzelne Sparten wie Schulen oder Hospitäler. Wer eine anschauliche Fundgrube für die regionale Geschichte sucht – hier ist sie. Einschlägige Literaturangaben unmittelbar im Anschluss an die kurzen, instruktiven Texte helfen bei den weiteren Recherchen.

Die Darstellungen reichen bis in unsere Zeit. Bezeichnend für das 21. Jahrhundert ist, dass es nicht mehr um die Frage ‚katholisch oder evangelisch‘ geht, sondern eher darum, wie hoch der Anteil der Christen überhaupt ist. Dabei stellt sich zum Beispiel heraus, dass eine anscheinend säkulare Großstadt wie Wuppertal, in der sowohl der Anteil der Katholiken wie der Protestanten auffallend gering ist, besonders viele Glaubensgemeinschaften aufweist: Allein im Umkreis von einem Kilometer um das Zentrum Elberfeld finden sich 30 Kirchen und sechs Friedhöfe. Diverse freikirchliche Bewegungen und Glaubensgemeinschaften, von Adventisten bis Zeugen Jehovas, breiteten sich im 19. Jahrhundert von hier in Deutschland aus.

Der Atlas belegt nicht nur, dass die Region des heutigen Nordrhein-Westfalen seit der Spätantike ein christliches Kerngebiet, sondern auch heute noch eine ungewohnlich vielfältige und lebendige ‚theologische Landschaft‘ geblieben ist.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos: © repor-tal

Informationen: www.schnell-und-steiner.de

Erwin Gatz✝, Marcel Albert (Hrsg.): 1700 Jahre Christentum in Nordrhein-westfalen. Ein Atlas zur Kirchengeschichte
Verlag Schnell & Steiner, Regensburg; 192 Seiten; 39,95€

ISBN 978-3-7954-2709-2

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