Mensch oder Gebirge?

Ohne Titel, 2006, Liegende, Messing, 79,5 x 220,5 x 70 cm, Courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/ Galerie Felix Lehner, Hauser & Wirth, Foto: Stefan Altenburger

Aktuell ist im Essener Museum Folkwang die Ausstellung Hans Josephsohn – Existenzielle Plastik zu sehen. In einer großen Retrospektive zeigt das Museum das Werk des Bildhauers, der die Grundlage für die Plastik des 20. Jahrhunderts geschaffen hat.

Schon mit 18 Jahren ging Hans Josephsohn (1920 – 2012) zum Studium an die Akademie in Florenz. Geboren wurde er im ostpreußischen Königsberg 1920. Doch 1939 musste Josephsohn wegen seines jüdischen Glaubens in die Schweiz fliehen. Hier machte er eine Ausbildung beim Zürcher Bildhauer Otto Müller. Bereits vier Jahre später eröffnete er sein erstes eigenes Atelier in Zürich. Trotz der Unbilden des Krieges und der Emigration führt Josephsohns Weg nach oben.

Ohne Titel (Mirjam), 1953, Stehende, Gips, 205 x 44 x 30 cm, Courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/ Galerie Felix Lehner, Hauser & Wirth, Foto: Stefan Altenburger

Von Anfang an faszinierte den Künstler die Auseinandersetzung mit der Figur des Menschen. Phantastische Beispiele bereits aus den 50er Jahren sind in Essen zu sehen. Einerseits verlangen die Skulpturen die volle Aufmerksamkeit des Betrachters, fordern sozusagen seinen Blick heraus – und dann springt ihn förmlich das ganze Wesen des portraitierten Menschen an. Aus der Andeutung der Figur spricht das Innere zum Besucher; unweigerlich entsteht ein Dialog. „Wenn man Josephsohns Skulpturen umkreist, entdeckt man plötzlich das Gesicht, wo vorher nur ein ‚Brocken‘ sichtbar war”, erläutert Hans-Jürgen Lechtreck, stellvertretender Museumsdirektor des Folkwang. „Bewegend ist auch die Liegende, die Skulptur wechselt je nach Standpunkt zwischen Mensch und Gebirgslandschaft.”

120 Exponate sind in Essen ausgestellt. In den großen offenen Räumen des Museums Folkwang kommen die Skulpturen in ihrer ganzen Aussagekraft zur Geltung. 77 Plastiken und Reliefs, 14 Gispsmodelle und Tonreliefs und 29 Zeichnungen sind aus dem Kesselhaus Josephsohn in St. Gallen nach Essen gekommen. Das Kesselhaus ist seit 2003 das permanente Ausstellungshaus und Depot des Josephsohn-Werkes. Hier wird sein Nachlass verwaltet.

„Wir zeigen erstmals phantastische Beispiele aus dem 50er bis zu den 2000er Jahren”, sagt Lechtreck. „Josephsohn hat stark mit Räumen und Massen gearbeitet.” Seine Arbeitsweise war, mit den Händen grob eine Figur in Gips oder Lehm vorzuformen. Dann ließ er die Masse trocknen und begann, mit dem Meißel die Figur herauszuarbeiten.

„Hans Josephsohn hat immer mit Modellen gearbeitet”, berichtet Ulrich Meinherz vom Kesselhaus St. Gallen. „Die Beziehung zu den Menschen war ihm wichtig. Er bauchte das reale Gegenüber als Ausgangspunkt. Und immer hat er mit Freunden und Bekannten über die Entstehung seiner Arbeit diskutiert, um auch den richtigen Zeitpunkt für die Vollendung der Plastik zu erreichen.”

Gips war dabei das Material, um sein Werk in die Welt bringen zu können. Teure Bronze-Abgüsse konnte er sich erst relativ spät leisten. Doch vollendet war die Skulptur erst mit dem Guss. Der Gips war aber entscheidend für die Formfindung. „Im Ganzen ist die Schöpfung einer Plastik ein langer Prozess der Interaktion bei Josephsohn”, so Meinherz. „Das Werk ist geworden durch den kontrollierten Umgang mit unkontrollierten Effekten.”

 

Die Schau der Werke von Josephsohns Anfängen bis zu seinem Tod, Reliefs, Gipsentwürfe bis hin zur gegossenen Bronze ist bis zum 24. Juni 2018 im Essener Folkwang Museum zu sehen.

Text: Angelika Sonnwald-Irsigler

Photos mit freundlicher Genehmigung des Museums Folkwang

Informationen: www.museum-folkwang.essen.de

Adresse: Museumsplatz 1, 45128 Essen (Navigation: Bismarckstraße 60)

Telefon: 0201 / 88 45 444

Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs sowie samstags, sonntags und feiertags 10 – 18 Uhr, donnerstags und freitags 10 – 20 Uhr

Eintritt 8 Euro

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Museum Folkwang (Hrsg.): Hans Josephsohn. Existenzielle Plastik
Edition Folkwang/Steidl, 2018, 188 Seiten, 150 Abbildungen
Preis 25 Euro
ISBN 978-3-95829-434-9

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