Jeder von uns ist verantwortlich

Geschichte wiederholt sich nicht einfach – aber viele Motive, die dem Prozess der Zivilisation* einen beispiellosen Rückschlag versetzt haben, drohen heute, ein Menschenleben danach, wieder Oberhand zu gewinnen: Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Manipulation durch Fake News.

1938 war das Jahr, in dem der Nationalsozialismus auch seine letzte Maske fallen ließ. Synagogen brannten im gesamten Reich, die Nazis nahmen Österreich ein, in Wien tobte der antisemitische Mob sich in beispiellosen Grausamkeiten aus. Thomas Mann warnte aus dem Exil: Achtung Europa!, Brecht inszenierte Furcht und Elend des Dritten Reichs – und Otto Hahn erfand die Kernspaltung. Als die Wehrmacht das tschechische Sudetenland besetzte, gaben die Regierungen Mitteleuropas ihr Placet, allen voran die britische. Die Hoffnung, die Deutsch damit von einem Krieg abzuhalten, erwies sich jedoch als Trugbild.

Klaus von Dohnanyi setzt vor seine Einführung ein Zitat des großen Soziologen Norbert Elias: „Nichts ist gewöhnlicher als Historiker, die über wehrlose Menschen früherer Zeiten zu Gericht sitzen und dabei Werte ihrer eigenen Gegenwart als Maßstab gebrauchen. Sie vermitteln den Eindruck, als ob zwischen Vorgeschichte und Gegenwart nirgendwo wesentliche Unterschiede bestünden und keinerlei Wandlungen in der Entwicklungsstufe vor sich gegangen seien.“ Damit wir von Anfang an deutlich, dass dieses Buch nicht einfach parallelisieren will. Es appeliert jedoch, wie schon der Untertitel ausweist, zum genauen Hinschauen auf damals und heute.

Das Buch dokumentiert Ereignisse des Jahres anhand von Augenzeugenberichten. Ein Schwerpunkt liegt auf den hanebüchenen Vorgängen in Wien, aber der Blick erfasst das gesamte Reichsgebiet. Breit ist das Spektrum der Zeitzeugen, von dem Wehrmachtsgeneral Ludwig Beck, der 1938 den Dienst quittiert, weil er Hitler nicht unterstützen will und nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 zur Selbsttötung gezwungen wird, bis zu dem 1977 in Göttingen geborenen Arye Sharuz Shalicar, der den aktuellen Antisemitismus von heute erlebt.

„Wenn wir heute auf unsere Tage schauen“, schreibt Dohnanyi, „wie viel haben wir Europäer in all den Jahren eigentlich gelernt? Oder gar die USA? Die Bundesrepublik Deutschland hat zwar im Krisenjahr 2015 in der Flüchtlingspolitik den richtigen menschlichen Schritt getan. Doch nun stellen sich schwierige Fragen einer humanen und auch innenpolitisch vertretbaren Flüchtlingspolitik. Kein Feld für Utopisten oder demagogische Polemik, aber eine große europäische Aufgabe für verantwortungsvolle Pragmatiker. (…) So brauchen wir nicht nur die Erinnerung an 1938, an die Jahre davor und danach, sondern auch einen mutigen Blick nach vorn. Denn Freiheit und Demokratie müssen auch heute mit Mut und Zivilcourage verteidigt werden.“

Den Herausgeberinnen Barbara Schieb und Jutta Hercher ist mit 1938 eine Zusammenstellung gelungen, die heute wichtiger denn je ist!

Text: Jan-Peder Lödorfer

Cover mit freundlicher Genehmigung des Elisabeth Sandmann Verlages

Informationen: www.esverlag.de

Barbara Schieb, Jutta Hercher (Hrsg.): 1938. Warum wir heute genau hinschauen müssen
Elisabeth Sandmann Verlag, 200 Seiten, gebunden
24,95 Euro
ISBN 978-3-945543-44-3

*Nobert Elias: Der Prozess der Zivilisation (1939)

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