Für Abhaker uninteressant

Seit den zehn Geboten sind Listen eine beliebte Methode, Ansammlungen von Merksätzen besser konsumierbar zu machen. Die Bestsellerlisten listen immer wieder Listen auf: Von den ‚100 Orten‘, die man in der großen, weiten Welt gesehen haben muss, bis zu ’55 Gründen, Wuppertal zu lieben‘. 

‚Die verkannte Weltstadt‘ nennt Werner Röder (Jahrgang 1950) seine Heimatstadt. Was das ‚Verkennen‘ anlangt, hat er sicher Recht:Wer sie nicht kennt, stellt sie sich oft als Ansammlung von Fabriken vor, verortet sie im Kohlenpott oder – noch schlimmer – an dessen Rand. Werbeagenturen plakatieren ein mageres Butterbrot als ‚Toast Wuppertal’…

Werner Röder kennt das. Sein Buch beginnt er deshalb mit dem Satz: ‚Wuppertal – will doch kein Mensch, sagt der Verleger.‘. Wo die Polonäse Blankenese endet und Bill Ramsey seiner Zuckerpuppe das erste Mal begegnet ist, wolle keiner wissen.

Wir möchten Ihnen deshalb ebenfalls klipp und klar empfehlen. Lassen Sie das Buch im Laden liegen! Wenn Sie durch die Welt jetten auf der Suche nach den ‚Big Five‘, den ‚Must Haves‘ und den Orten, wo ‚man gewesen sein muss‘, dann sind Sie in Wuppertal falsch.

Die Sehenswüdigkeiten sind durch die Bank zweitklassig. Die Schwebebahn ist nur eine Straßenbahn, die hängt. Die Historische Stadthalle ist nur der zweitbeste Konzertsaal Europas (nach dem Saal der Wieder Philharmoniker), die ‚Barmer Anlagen sind nur der zweitgrößte Bürgerpark (nach dem Bremer), die Kunstsammlung Von der Heydt kann dem Louvre nicht ganz den Rang ablaufen,  Friedrich Engels, dessen 200. Geburtstag die Stadt im Jahr 2020 begeht, kennen nur noch die Historiker, und Pina Bausch, die Revolutionärin des Tanztheaters, lebt auch nicht mehr.

Die Immobilienpreise reichen auch (noch) nicht an die von Berlin heran. Die Kriminalstatistik ist unauffällig. Die Arbeitslosigkeit ebenfalls. Die Kulturszene ist bunt, ohne prätentiös zu sein. Denn die hauptamtliche ‚Hochkultur‘ im ‚Tal‘, wie die Bewohner die Stadt nennen, steht im Schatten der Konkurrenz in eine halbe Fahrstunde entfernten Nachbarstädten wie Essen, Düsseldorf und Köln, wohin die öffentlichen Fördermittel reichlicher fließen und die Medien lieber hinschauen.

Wenn Sie allerdings mit offenen Augen durchs Leben gehen und positive Überraschungen lieben, dann könnte die Lektüre dieses Bändchens vielleicht doch von Nutzen sein. Auch wenn die Liste der 55 Gründe eigentlich bloß eine willkürliche Auswahl ist.

In Wirklichkeit verlieren sich die Gründe, Wuppertal zu lieben, nämlich im Unendlichen.

Text: Jan-Peder Lödorfer
Coverphoto mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Informationen: www.mr-books.de

Werner Röder: 55 Gründe, Wuppertal zu lieben. Oder: Die verkannte Weltstadt
Moritz Röder Books, München140 Seiten, Taschenbuch
8,90 Euro
ISBN 978-3-9819120-1-2

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