Brennpunkt Berliner Kultur

Als ich Anfang der 90er Jahre in Berlin wohnte, sprang mir in der Schlüterstraße im Stadtteil Charlottenburg, gleich um die Ecke vom Kurfürstendamm, der orangefarbene Baldachin des Bogota über dem Bürgersteig ins Auge. Er ist das Markenzeichen des inzwischen längst legendären Hotels in der Hauptstadt. Inzwischen ist ein heißer Streit um den Erhalt des Traditionshauses entbrannt. Muss das Bogota schließen? Und verschwindet damit ein weiteres Wahrzeichen des alten Westens?

Oskar Skaller, verschollenes Gemälde von Max Liebermann

Der Nicht-Berliner muss wissen: Das ‚Bogota‘ gehört zu den geschichtsträchtigen Häusern in Berlin. 1911 wurde es als Mehrfamilienhaus gebaut. Heute gehört es zu den Baudenkmälern Berlins. Die Eigentümer wechselten schon in den 20er und 30ger Jahren mehrfach. Sie waren Juden und verließen Deutschland.

Zu den bekanntesten Bewohnern gehörte der Unternehmer und Mäzen Oskar Skaller. Trotz seines erfolgreichen Geschäftssinns war er Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Er bewohnte das Erdgeschoss in der Schlüterstraße 45. Bei ihm gingen Künstler und Politiker aus und ein. Skaller hatte eine bedeutende Sammlung impressionistischer Werke, darunter einige von Vincent van Gogh. Und es soll auf seiner seiner legendären Partys auch der junge Benny Goodman gespielt haben, später weltbekannt als Klarinettist und Big Band Leader.

Yva

Die berühmteste Bewohnerin der Schlüterstraße 45 war Yva, die Modephotographin der 20er und 30er Jahre. Yva, mit bürgerlichem Namen Else Ernestine Neuländer-Simon, und ihr Mann Alfred Simon zögern zu lange, trotz erteiltem Arbeitsverbot und einem lukrativen Angebot aus den USA können sie sich nicht zur Auswanderung entschließen. Alfred wollte nicht glauben, dass Hitler an der Macht bliebe. Als sie und ihr Mann sich 1942 ernstlich zur Auswanderung entschliessen, schicken sie ihr Gepäck nach Hamburg. So werden ihre Arbeiten beim Luftangriff zerstört. Yva und ihr Mann werden noch in Berlin von der Gestapo verhaftet, deportiert und im selben Jahr in Majdanek ermordet.

Heinz Rühmann

Zu ihren Schülern gehört ein junger Mann Namens Helmut Neustädter, der später als Glamour- und Modephotograph weltberühmt wird. Ihm gelingt 1938 noch die Flucht nach Australien. Er nahm dort die Staatsbürgerschaft an und nannte sich dann Helmut Newton.

Das Haus an der Schlüterstraße wird 1942 dann endgültig enteignet und zum Geschäfts- und Wohnhaus umfunktioniert – und: Ausgerechnet die ausgebombte Reichskulturkammer nimmt hier ihren Sitz, die Behörde, die entscheidet, wer im ‚Dritten Reich‘ noch als Künstler arbeiten darf. Viele bekannte Schauspieler und Musiker müssen hier ihre Aufwartung machen.

Grethe Weiser

Nach dem Krieg wendet sich das Blatt. Weil Haus Nummer 45 in der Schlüterstraße zufällig nicht zerstört wurde und die Akten der Nazi-Kulturbehörde erhalten sind, ziehen die britischen Besatzer hier ein und bestellten namhafte deutsche Künstler zur Entnazifizierung in die dritte Etage des Hauses. Anzutreten hatten in der neu geschaffenen Kulturkammer Leute wie Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Heinz Rühmann und Grethe Weiser, die unter Hitler ihre Karriere weiterverfolgt hatten. Außerdem zog der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands ein.

Gustav Gründgens

1964 kehrte Heinz Rewald nach Deutschland zurück. Er war vor den Nationalsozialisten in den 30ger Jahren nach Kolumbien geflohen. In der Schlüterstraße 45 gründete er ein kleines Hotel in den ehemaligen Räumen von Yva in der vierten und fünften Etage des Hauses. Die Zimmer stattete er mit Möbeln und Kunstgegenständen aus Kolumbien aus.

Auch in den unteren Etagen hatten sich Pensionen etabliert. Die Nähe zum Kurfürstendamm zog Besucher in die geteilte Stadt. Nach und nach übernahm Rewald die andren Pensionen, bis das ‚Bogota‘ sich über das ganz Haus erstreckte. 1976 übergab er das Hotel an Steffen Rissmann, den Vater des heutigen Besitzers.

Hotel Bogota © repor-tal
Der ‚Photoplatz‘

Joachim Rissmann lebt förmlich die Geschichte des Hauses. Dem Vorraum zum Frühstücks- und Veranstaltungssaal hat er den Namen ‚Photoplatz‘ gegeben . Ein Andenken und eine Homage an die ehedem berühmte und dann verfemte Photographin, die hier lebte und arbeitete. Hier finden wechselnde Ausstellungen statt.

Das ‚Bogota‘ ist ein Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler und Berlin-Besucher geworden. Zwei Jahre vor seinem Tod 2004 kam Helmut Newton noch einmal an seine erste Wirkungsstätte zusammen mit seiner Frau June. June Newton arbeitete selbst früher unter dem Namen Alice Springs als Photographin.

Heute ist das Schicksal des ‚Bogota‘ ungewiss. Doch ein Besuch lohnt sich. Hotellerie und Gastlichkeit dieses kultivierten Stils und Charakters ist heute Seltenheit geworden.

Text: Ruth Hoffmann

Photos © repor-tal

Informationen: www.bogota.de

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