Der Ungezähmten Widerstand

Zwei Außenseiter der Gesellschaft haben sich gefunden: Petruchio (Lukas Gander) und Katharina (Magdalena Wabitsch). © Christoph Krey
Zwei Außenseiter der Gesellschaft haben sich gefunden: Petruchio (Lukas Gander) und Katharina (Magdalena Wabitsch).
© Christoph Krey

Zu den meistgespielten und -interpretierten Shakespeare-Stücken gehört ‘Der Widerspenstigen Zähmung – auf der Bühne, im Film, als Musical. Alles wurde schon geboten. Also eine echte Herausforderung für einen Regisseur. Die 32-jährige Holle Münster hat sich dieser Aufgabe gestellt und das Problem sehr eigenwillig und neu gelöst.

Bianca (Shana Sophie Brandl) versteht es, den Männern auf der Nase bzw. dem Rücken zu tanzen; hier dem verleibten Lucentio (Gregor Kohlhofer). © Lupi Spuma
Bianca (Shana Sophie Brandl) lässt sich gerne von ihren Verehrern (auf Händen) tragen; hier dem verliebten Lucentio (Gregor Kohlhofer). © Lupi Spuma

Der Plot ist bekannt. Doch womit sich viele Regisseure schwer tun, ist die Tatsache, dass in Zeiten der Emanzipation eine Frau sich ja keinem Mann unterwerfen darf. Zu Shakespeares Zeiten war das eben noch so. Die junge Regisseurin Holle Münster hat sich nicht irritieren lassen und die Äußerlichkeiten, durch die man die Rollen von Männern und Frauen unterscheidet, durch knallbunte und schrille Kostüme einfach aufgelöst. Kostümbildnerin Thea Hoffmann-Axthelm hat Männern Löckchen und Haarschleifen, Reifröcke und High Heels verpasst. Und wenn Bianca und Katharina in Korsagen und Push-Up-BHs auftreten ist das durchaus nicht sexistisch, denn Petruchio glänzt im Leoparden-Tanga.

Verehrer im Rock und mit Locken: Saladin Dellers (l.), Shana Sophie Brandl (M.) und Christoph Steiner
Verehrer im Rock und mit Locken: Saladin Dellers (l.), Shana Sophie Brandl (M.) und Christoph Steiner © Lupi Spuma

Mit dieser Kostümierung kann die Regisseurin den Hauptfiguren Petruchio und Katharina eine neue Interpretation geben: Sie sind zwei von der Gesellschaft Ausgestoßene. Beide unterscheiden sich von der Norm. Katharina weiß sich nur von ihrer intriganten jüngeren Schwester abzugrenzen, indem sie sich betrinkt und – schweigt. Tatsächlich spricht sie erstmals bei ihrer Hochzeit und das auch noch aus dem Off. Eine Herausforderung für Darstellerin Magdalena Wabitsch. Doch sie versteht es, alles in ihr Gesicht zu schreiben: den Ekel vor der verlogenen Gesellschaft, das Unverständnis gegenüber der hinterhältigen Schwester, die Enttäuschung als Petruchio sie vermeintlich sitzen lässt und das Erkennen der Chance einer Liebe zu einem ebenfalls von der Gesellschaft Gemiedenen.

Katharina (Magadalena Wabitsch, h.) ist verblüfft über dem falschen Gehorsam ihrer Schwester (Shana Sophie Brandl) gegenüber dem Vater (Virginia V. Hartmann, l.v.). Beobachter Gremio  (Saladin Dellers) ist verzückt. © Christoph Krey
Katharina (Magadalena Wabitsch, h.) ist verblüfft über dem falschen Gehorsam ihrer Schwester (Shana Sophie Brandl) gegenüber dem Vater (Virginia V. Hartmann, l.v.). Beobachter Gremio (Saladin Dellers) ist verzückt.
© Christoph Krey

Die Einfälle der jungen Regisseurin, die zur Gruppe ‘Prinzip Gonzo’, einem Zusammenschluss junger Regisseure gehört, sind erfrischend originell. Die Figuren, die gesellschaftlich angepasste Rollen spielen, balancieren auf der Bühne mit Plateausohlen über schwankende Platten.
Für die Rolle des Doppelgängers von Petruchios Vater Vincentio nutzt Münster das ‚Schwiizerdütsch‘ des in Bern geborenen Saladin Dellers, der auch Gremio spielt. In einer Szene wird er im ‘Playback’ von Tranio (Julia Richter) souffliert, der (die) auch durch eine Schnell-Sprech-Einlage brilliert.
Genauso amüsant sind die ‘Latein’-Einlagen des Magisters (ebenfalls Saladin Dellers): Zwischen ‘Veni, vidi, vici’ und ‚Alea iacta est‘ sorgt auch mal ein ‚Expelliarmus‘ für Lacher im Publikum.
Zu den vielen Highlights gehört bestimmt auch die Szene, in der die Eine ‚Stummfilm‘-Effekt erzielt die Regisseurin mit Szenen ohne Worte im Stroboskop-Geflimmer bei leicht scheppernder Klavierbegleitung.

Werfen sämtliche Konventionen über Bord: Das Käthchen und ihr Petruchio. © Christoph Krey
Werfen sämtliche Konventionen über Bord: Das Käthchen und ihr Petruchio. © Christoph Krey

Fast die gesamte Truppe studiert an der Kunstuniversität Graz: Katharina Wabitsch (Katharina), Bianca (Shana Sophie Brandl), Lukas Gander (Petruchio), Gregor Kohlhofer (Lucentio), Julia Richter (Tranio), Christoph Steiner (Hortensio, Vincentio) und Saladin Dellers (Gremio, Magister). Virginia V. Hartmann hat ihren Abschluss bereits 2013 an der KUG absolviert.

Die Musikzusammenstellung von Bernhard Neumaier unterstreicht das gesamte Spiel und setzt eindeutige Akzente, wie zum Beispiel mit der Darth Vader-Melodie aus Star Wars.

Bianca (Shana Sophie Brandl, M.) verzückt die Männer: Lucentio (Gregor Kohlhofer, l.) und sein Diener Tranio (Julia Richter, 2.v.l.) . Scheinbar gehorcht sie Vater Baptista Minola (Virginia V. Hartmann, r.) aufs Wort. © Lupi Spuma
Bianca (Shana Sophie Brandl, M.) verzückt die Männer: Lucentio (Gregor Kohlhofer, l.) und sein Diener Tranio (Julia Richter, 2.v.l.) . Scheinbar gehorcht sie Vater Baptista Minola (Virginia V. Hartmann, r.) aufs Wort. © Lupi Spuma

Die Inszenierung hatte ihre Deutschlandpremiere beim Shakespeare-Festival in Neuss.

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de

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