Endspurt eines Enthusiasten

Über dem diesjährigen Shakespeare-Festival liegt ein Hauch von Traurigkeit. Die dreißigsten Festspiele im Neusser Globe werden zwar nicht die letzten sein, aber es gibt einen gewaltigen Einschnitt: Die Seele der Veranstaltungsreihe geht in den Ruhestand.

Dr. Rainer Wiertz, Photo Christoph Krey

Seit Jahrzehnten steht und fällt das Festival im rheinischen Neuss mit dem Kulturreferenten der Stadt Dr. Rainer Wiertz. In einem Jahr wird er sich in den wohlverdienten Ruhestand begeben. Und dann? Zwar soll Wiertz einen Nachfolger ab September 2020 einarbeiten und den Spielplan noch erstellen, doch wird das Festival ohne ihn vermutlich nicht mehr dasselbe sein. Zwar sollen neue ‚Besen‘ auch gut kehren, aber den versierten Shakespeare-Kenner zu ersetzen wird sehr schwer.

Wer also das Shakespeare-Festival in Neuss noch einmal in gewohnter Wiertz-Qualität sehen möchte, dem sei angeraten, sich Karten für die Zeit zwischen 14. Mai und 13. Juni 2020 zu sichern!

Romeo und Julia © Midsummer Scene Festival

Der Startschuss gibt dieses Jahr das Midsummer Scene Festival aus Dubrovnik mit seiner Interpretation von Romeo und Julia. Die Kroaten spielen in englischer Sprache.

Caroll Vanwelden @ Christoph Krey

Für Freunde des Jazz: Singing Shakespeare’s Sonnets – The Best of mit Caroll Vanwelden am 16. und 17. Mai.

Für Neusser Lokalpatrioten liest Norbert Kentrup am Nachmittag des 17. Mai aus seiner Biographie Der süße Geschmack von Freiheit. Der 1949 in Düsseldorf geborene Kentrup wuchs in Neuss auf, verließ die Stadt aber schon mit 18 Jahren und lebt seit 1971 in Berlin und Süd-Finnland. Unter anderem war er der Mitbegründer der bremer shakespeare company.

Patrick Spottiswoode © Christoph Krey
Norbert Kentrup © Bodo Krumat

Auch in diesem Jahr fehlt die Lecture von Patrick Spottiswoode natürlich nicht: Shakespeare and the Globe am 18. Mai 2020. Wer sie noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt hingehen.

Und dann ist es wieder Zeit für einen ‚Stammgast‘: am 19. Mai kommt die bremer shakespeare company. Das Wintermärchen, gerade frisch auf dem Programm der Maßstäbe setzenden Company, glänzt wieder mit ausgezeichneten Kritiken. Ein Spiel mit Masken zeugt erneut vom Erfindungsreichtum der Bremer.

Volpone: Peter Mitterrutzner, Jakob Immervoll, Silas Breiding © Gabriela Neeb

Das erste Nicht-Shakespeare-Stück ist Volpone. 1670 von von Ben Johnson geschrieben und von Stefan Zweig bearbeitet. Das Volkstheater München präsentiert das Stück am 21. und 22. Mai. „Es beinhaltet keine Charaktere, sondern Typen“, wie Rainer Wiertz sagt.

The Boys: Robin Harris, William Ross-Fawcett, Ross Ford, Mar © Rah Petherbridge

Heiß erwartet werden auch wieder die HandleBards. Die Jungs kommen am 23. und 24. Mai mit The Comedy of Errors. Ein Vergnügen auf das man nicht verzichten sollte.

Veronica Ferres © Elisabeth Caren

Auch Ein Sommernachtstraum darf natürlich nicht fehlen. In diesem Jubiläumsjahr wird das Stück von Veronica Ferres rezitiert und von Solisten der Russischen Kammerphilharmonie begleitet. Ein verlockendes Angebot.

Spannend wird Coriolanus, eine deutsch-türkische Koproduktion der bremer shakespeare company mit dem Tiyatro Bereze aus Istanbul.
Gespielt wird in zwei Sprachen: die Die Schauspieler sprechen in ihrer jeweiligen Landessprache. „Dramaturgisch ist das so geschickt gelöst, dass alles nachvollzogen werden kann“, sagt Rainer Wiertz begeistert. „Ein sehr humoriges Stück.“ Coriolanus lohnt sich schon alleine, weil es selten gespielt wird.

Das Rheinische Landestheater Neuss bringt in diesem Jahr gleich zwei Stücke auf die Bretter des Globe. Zum einen Schade, dass sie eine Hure war von Shakespeares Zeitgenossen John Ford. Ein jakobinisches Horrordrama mit viel Blut und vielen Särgen. Es gibt eine Vorstellung am 29. Mai.

Schade, dass sie eine Hure war © Simon Hegenberg

Zum Zweiten wird des romantisch: Shakespeare in Love. Der bekannte Film mit Leo DiCaprio in einer Bühnenversion. Man darf gespannt sein.Gespielt wird an drei Abenden (30. und 31. Mai, sowie 1. Juni).

Neues Globe Theater © Philipp PlumHistorisch geht es weiter mit dem Leben Eduards des Zweiten von England. Das Neue Globe Theater aus Potsdam bringt die Liebe zweier Männer von Christopher Marlowe, bearbeitet von Berthold Brecht. Am 2. Juni ist die berührende Geschichte einer zwar tolerierten , aber dennoch verfolgten Liebe zu sehen.

Neues Globe Theater © Philipp Plum
Girls, girls, girls © Rah Petherbridge

Am 3. und 4. Juni legen die Mädels der HandleBards einen Fahrradstopp in Neuss ein und beschließen damit die diesjährigen Aufführungen im Globe. Macbeth in den eigenen Facetten der Londoner Truppe. Vier Damen spielen alle Rollen. Lachen garantiert.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge zieht das Festival für die letze Woche in das benachbarte Rheinische Landestheater um. Denn leider findet ab dann eine andere Veranstaltung auf der benachbarten Rennbahn statt, die Aufführungen im Globe stören würde.

Die gesamte Requisite von den Complete Works © Hugo Glendinning

Doch Rainer Wiertz hat diese Gelegenheit genutzt, eine wirklich außergewöhnliche Inszenierung nach Neuss zu holen: Shakespeares Gesamtwerk! Forced Entertainment aus Sheffield bringt tatsächlich alle Stücke an neun Abenden im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tisch. Jeweils für rund eine Stunde erzählt ein Schauspieler in einfachem Englisch ein Werk. Vier Stücke sind pro Abend geplant. Sie können einzeln gebucht werden, aber auch als Gesamtpaket. 

Die Schauspieler sitzen an einem Tisch: Table Top Theatre. Sie verdeutlichen ihre Geschichten mit einfachen Requisiten auf der Platte. Diese kleine Bühne kann nicht in ein großes Theater übertragen werden, da Bürsten, Falschen, Milchkännchen, Reinigerdosen und viele Kleinigkeiten mehr die Hauptrollen spielen. Ein spannendes Projekt, das Shakespeare-Fans zumindest einmal ausprobieren sollten. Immerhin spielt Forced Entertainment dieses außergewöhnliche Inszenierung schon seit Jahren.

Table Top! Um welches Stück mag es sich handeln? © Hugo Glendinning

Das dreißigste Shakespeare-Festival glänzt mit 13 Compagnien mit 14 Inszenierungen und 64 Aufführungen für sein Publikum.

Aufgepasst: Der Vorverkauf startet am 18. April, 9 Uhr!

Text: Ruth Hoffmann

Photos mit freundlicher Genehmigung von Pro Classics

Informationen: www.shakespeare-festival.de

Termin: 14. Mai bis 13. Juni 2020

Karten: www.shakespeare-festival.de

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