Besuchen Sie ‚Bogota‘
solange es noch steht

Mitten in Berlin klafft ein riesiges Loch, das Millionen frisst: Gegenüber dem ‚roten Rathaus‘, wo zu Zeiten der DDR der ‚Palast der Republik‘ stand, soll nach dem Willen der Preußen-Nostalgiker das ‚Stadtschloss‘ wieder aufgebaut werden, das heißt, als Attrappe.

Währenddessen verschwinden allmählich die letzten echten Charaktere aus der Berliner Bausubstanz. Das ‚Café Kranzler‘ zum Beispiel, einst Wahrzeichen des Westberliner Stadtlebens am Kurfürstendamm, ist bloß noch ein Schatten seiner selbst. In einer Seitenstraße des ‚Ku’damms‘ liegt noch ein Hotel, das wie kein anderes Schauplatz der wechselvollen Geschichte der Stadt und ihrer Kultur ist:

Hotel Bogota © repor-tal
Das Bogota: Alles ein wenig old-fashioned

1911 erbaut, diente es seit 1964 als Pension und seit 1976 als Hotel. Im nächsten Jahr könnte es sein 50-jähriges Bestehen feiern. Ob es dazu kommt, ist zur Zeit noch fraglich.

Das ‚Bogota‘ gehört zu den letzten Häusern mit Charakter in West-Berlin. Wer im ‚Bogota‘ absteigt, sucht und findet etwas anderes als die Einerlei-Hotelerie. Der orange-rote Baldachin vor dem Eingang wirkt noch recht modern. Doch schon im Empfangsraum ist man ein bisschen in den ‚Zwanzigern‘ und ein bisschen in den den ‚Sechzigern‘ des 20. Jahrhunderts. Der Stil des Hauses kulminiert in dem klassischen, schwarzen Telefon mit Wählscheibe auf dem Tresen. Überall im Haus findet man Kunst. Den Lichthof in der Mitte dominiert ein Transparent mit Zeichnungen im Manga-Stil. Morgens durchströmt gregorianischer Choral dezent das Haus wie ein zarter Duft.

Hotel Bogota © repor-tal
Ein Salon für die Gäste zum Lesen, für Besprechungen, zum Arbeiten und Entspannen.

Hotels, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, gibt es in Deutschland nicht viele. Das ‚Bogota‘ führt in zweiter Generation Joachim Rissmann. ‚Propriétaire‘ nennt er sich. Charmant, doch ‚Propriétaire‘ im wörtlichen Sinn, nämlich Eigentümer ist er nicht. Zwar hätte er es vor sechs Jahren kaufen wollen. Den Zuschlag bekam aber Dr. Thomas Bscher, Ex-Rennfahrer, Ex-Banker, Bugatti-Präsident und Eigentümer diverser Immobilien am Ku’damm. Eigentümer und Hotelbetreiber vertrugen sich anfangs gut. Doch seit Januar 2013 ist Rissmann zahlungsunfähig. Er konnte nur noch die Nebenkosten begleichen. Die eigentliche Miete (ohne Nebenkosten) von rund 39.000 Euro pro Monat (seit 01.05.13, vorher rund 37.000 Euro) blieb er schuldig. Das hat Bscher zur Räumungsklage getrieben. Was zum Eklat führte.

Hotel Bogota © repor-tal
Im ‚Bogota‘ gibt es die unterschiedlichsten Zimmer.

Joachim Rissmann steht im Konkurrenzkampf auf dem Berliner Hotelmarkt. In der Hauptstadt gibt es ein Überangebot, das auf die Preise drückt. Das ‚Bogota‘ hat zwar eine ausgezeichnete Lage in der City West und eben seinen beachtenswerten Reiz. Doch wer hier absteigt, muss es ein wenig old-fashioned lieben. Es gibt elegant eingerichtete Zimmer mit Stilmöbeln, echten Kunstwerken, Bad und WC. Aber es gibt auch kleine Einzel- oder auch Dreibettzimmer mit Gemeinschafts-Bad und WC auf dem Flur. Es gibt in allen Stockwerken großzügige Dielen und Salons, in die sich Gäste aufhalten können, auch einen lauschigen Hinterhof-Garten.

Hotel Bogota © repor-tal
Schon das Entree spiegelt die Atmosphäre des ‚Bogota‘.

An der Rezeption liegt eine Unterschriftenmappe aus: ‚Rettet das Bogota‘. Prominente wie die Schauspielerin Hanna Schygulla haben sich die Kampagne zu eigen gemacht. Aber würde sie auch hier absteigen? Denn der dringende Modernisierungsbedarf ist überall erkennbar. Vor allem die Energiebilanz dürfte nicht mehr zeitgemäß sein. Der Lift klappert vor Altersschwäche. Das Parkett knarzt bei jedem Schritt. Und die Zeit der Zimmer ohne Bad ist selbst in der unteren Preiskategorie vorbei, zumindest wenn ein Hotel in dieser Lage rentabel arbeiten soll.

Hotel Bogota © repor-tal
Der Kaffe wird im ‚Bogota‘ noch am Tisch serviert.

Zur Tradition des Hauses gehören auch die kulturellen Veranstaltungen, die Joachim Rissmann sehr am Herzen liegen, Ausstellungen, kleine Konzerte und Vorführungen. Aber die Spannung im Hotel steigt merklich. Die Kellnerin weist einen Gast zurecht, der höflich nach Kaffee fragt: „Ich bring‘ den Kaffee schon an Ihren Tisch!“ Die Nerven aller scheinen gespannt. Wie wird es weiter gehen mit dem ‚Bogota‘? Wird es weitergehen? Rund dreißig Angestellte haben vorläufig ihre Kündigung zum Oktober erhalten. Aber die Hoffnung wollen sie nicht aufgeben, genauso wenig wie Joachim Rissmann.

Lesen sie morgen (9. Juli) mehr zur Geschichte des legendären ‚Bogota‘ und erfahren Sie, woher es seinen ungewöhnlichen Namen hat!

Text: Ruth Hoffmann

Photos © repor-tal

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