Die Welt als Uhrwerk an der Wohnzimmerdecke

Das Nachbarhaus links gehört heute zum Museum und beherbergt ein kleines Café

Wo findet man das älteste funktionierende Modell des Sonnensystems? In einem großen Planetarium vielleicht oder in der berühmten Sternwarte von Greenwich bei London? Keineswegs! Man findet es in einer kleinen Wohnstube einer kleinen Stadt in einem kleinen Land.  

Das Weltbild der Barockzeit hat gelegentlich etwas Unheimliches. Man stellte sich die Welt vor wie ein riesiges Uhrwerk, das einmal in Gang gesetzt, nach unveränderlichen Regeln abläuft. Wer die Welt verstehen will, so dachte man, muss nur lange genug forschen.

Im Rückblick betrachtet, kommt diese Auffassung uns ziemlich simpel und naiv vor. Vom barocken Standpunkt aus betrachtet – also mit einem Blick auf die zuvor verbreiteten Weltbilder und Modelle, war sie jedoch ausgesprochen fortschrittlich. Sie wandte sich nämlich gegen den Aberglauben, dass zum Beispiel Bewegungen der Planeten am Sternenhimmel unmittelbare Auswirkungen auf das Schicksal der Menschen hätten. 

Als man Anno 1774 berechnet hatte, dass einige Planeten von der Erde aus betrachtet in einer Richtung stehen würden, verbreiteten abergläubische Autoren ein Katastrophen-Szenario. Die Erde würde aus ihrer Bahn geworfen, das Ende der Welt und das jüngste Gericht werde anbrechen. Letzteres war besonders einem Pfarrer aus dem niederländischen Friesland ein Anliegen.

Eise Eisingha beim Rechnen in seiner Stube

Doch da gab es einen, der dagegen hielt: Eise Eisinga, damals 30 Jahre alt und Inhaber einer kleinen Manufaktur, die rohe Schafsvliese zu spinnbarer Wolle auskämmte. Er war ein aufgeklärter Amateur-Astronom. Und weil er ein geschickter Handwerker war, beschloss er, seine Wohnstube im friesischen Landstädtchen Franeker zu einem Modell des Sonnensystems umzubauen.

Blick in das hölzerne Räderwerk

Überflüssig zu erzählen, dass das Ende der Welt 1774 mal wieder nicht stattfand. Doch fünf Jahre später war Eisingas Sensation perfekt: An der hölzernen Decke seiner Wohnstube konnte man beobachten, wie die Planeten um die Sonne wandern, präzise gesteuert von einem darüber eingebauten diffizilen Räderwerk aus Eichenholz und rund 10.000 handgeschmiedeten Nägeln, angetrieben durch neun Gewichte und reguliert durch ein einziges, langsam tickendes Pendel.

An ein Wunder grenzt es allerdings, dass dieses Pendel bis auf den heutigen Tag noch so gleichmäßig tickt wie vor 220 Jahren, dass dieses kleine Universum aus Holz all die großen Kriege und Katastrophen überstanden hat und auch keinem Unfall oder Missgeschick zum Opfer gefallen ist. Eise Eisingas Planetarium ist heute das weltweit älteste funktionierende Modell des Sonnensystems; sein Haus in Franeker ein reizendes kleines Museum.

 

Wer es betritt, wundert sich erst; denn in der Stube stehen nur Tisch und Stühle wie in jeder anderen. Um das Planetensystem zu entdecken, muss man unter die Zimmerdecke schauen. Über den Alkoven, in denen Eisinga und seine Familie schliefen, drehen sich in Blau und Gold gehaltene Anzeiger für Mondphase, Auf- und Untergangszeiten und andere astronomische Daten. Eine Kette zum Aufziehen der Gewichte hängt über Eisingas Bett.

 

Eisinga-Planetarium from repor-tal on Vimeo.

Der Konstrukteur selbst starb 1828 hochgeehrt und dekoriert; selbst der König hatte ihm einen Besuch abgestattet. Seinen Namen zu kennen, gehört heute zur Schulbildung in Nederland. Anlässlich seines 250. Geburtstages wurde ein Asteroid nach ihm benannt.

Text: Jan-Peder Lödorfer

Photos © repor-tal mit freundlicher Genehmigung des Museums Planetarium Friesland

Eise Eisingastraat 3, 8801 KE Franeker, Niederlande

Öffnungszeiten ganzjährig Dienstag bis Samstag 10-17 Uhr, Sonntag 13-17 Uhr außer 25. Dezember und 1. Januar; 1. April bis 31. Oktober auch Montag 13-17 Uhr; Eintritt 5,25 Euro

Informationen: http://www.planetarium-friesland.nl/de

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