„Die große Einfachheit der Form“

Die Selbstbildnisse von Paula Modersohn-Becker sind einzigartig, ausgefallen, besonders. Zu der Ausstellung Ich bin Ich in den Museen in der Böttcherstraße in Bremen ist ein Katalog erschienen, der nicht nur die Selbstbildnisse der Künstlerin erklärt, sondern auch das Genre generell.

„Ein ganz entscheidender Aspekt bei der Beurteilung von Selbstbildnisse liegt somit in der zugegeben schwer zu beantwortenden Frage nach dem Adressaten des Bildes“, so Frank Schmidt vom Bremer Paula Modersohn-Becker Museum. Damit ist beschrieben, was es so schwer macht, in einem Selbstbildnis auch das Wesen des Künstlers zu erfassen.
„Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel“, notierte die Künstlerin in ihr Tagebuch am 25. Februar 1903. Und an gleicher Stelle: „Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Von jeher habe ich mich bemüht, den Köpfen, die ich malte oder zeichnete, die Einfachheit der Natur zu verleihen.“

Revolutionär die Akt-Selbstbildnisse der Künstlerin. So etwas hat es bis dato nicht gegeben! Als nach dem frühen Tod Paulas diese Bilder entdeckt wurden, war ihr Umfeld schockiert. Heinrich Vogeler sagt: „Jetzt erst übersieht man ganz, was sie gewesen ist.“ Bei der Präsentation des Nachlasses 1908 wurden diese Werke deshalb nicht gezeigt. Dies hätte das Publikum zu der Zeit wahrscheinlich nur verstört. Paula Modersohn-Becker war ihrer Zeit weit voraus.

Ebenso nehmen auch die Bilder mit einer Hand am Kinn eine Sonderstellung ein. „Diese Bilderfindung ist ebenso exzentrisch wie singulär in der Kunstgeschichte“, meint Frank Schmidt. Manche Kunsthistoriker bringen sie in Zusammenhang mit Modersohn-Beckers Faible für ägyptische Totenbilder.

Simone Ewald von der Paula Modersohn-Becker Stiftung in Bremen setzt sich in ihrem Essay mit der Rolle von Spiegel und Fotografie in Selbstbildnissen auseinander – ein Aspekt, den Betrachter allgemein nicht bedenken, der aber das Wesen des Malers durchaus verfremden kann. Wo beginnt das Selbstportrait als Inszenierung? Wo verbirgt sich die Wahre Identität? Wird sie überhaupt sichtbar? Fragen, die entscheidend für die Wahrnehmung sein können. Eine Frage mit der sich Katharina Henkel insbesondere auseinandersetzt.

Leider gibt der Katalog keinen Aufschluss über die Autoren der Beiträge. Trotz dieses kleinen Mangels ist der Katalog ein idealer Begleiter nicht nur durch die laufende Ausstellung Ich bin Ich, sondern auch für jeden Paula Modersohn-Becker-Fan, der die Schau nicht besuchen kann.

Text: Ruth Hoffmann

Cover mit freundlicher Genehmigung des Hirmer Verlages

Informationen: www.hirmer.de

Museen Böttcherstraße (Hrsg.): Ich bin Ich. Paula Modersohn-BEcker. Die Selbstbildnisse
Hirmer, 2019, 152 Seiten, 90 Farb-Abbildungen, gebunden
29,90 Euro (D), 30,80 Euro (A), 36,80 Franken (CH)
ISBN 978-3-7774-3397-4

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