Herz ist wichtiger als Politik

Azat Ordukhanyan ist 1965 in der armenischen Hauptstadt Jerewan geboren. Armenien war damals noch Sowjetrepublik. Er studierte Geschichte und Geographie und absolvierte ein geistliches Studium. In Deutschland lebt er seit 1993. Seine Organisation, der Zentralrat, wird von 40 Organisationen und Gemeinden getragen und vertritt rund 65.000 Armenier in Deutschland.

Azad Ordukhanyan plädiert für Versöhnung …

Seit Jahrhunderten ist die Unabhängigkeit Armeniens ständig von unterschiedlichen Seiten bedroht. Die ‚Armenische Frage’ war im 19. Jahrhundert der Begriff dafür, dass dieses Volk wie eine Geisel zwischen den Großmächten behandelt wurde. Dabei kam es immer wieder zu Massakern. Es waren englische Historiker, die Ende des 19. Jahrhunderts erstmals das Wort ‚Holocaust’ dafür verwendeten. Im Jahr 1915 geschah die Katastrophe: In einer bis dahin beispiellosen militärischen Mordaktion wurden eine bis anderthalb Millionen Menschen umgebracht.

Von den heute etwa 13 Millionen Armeniern leben rund 10 Millionen weltweit in der Diaspora. Ordukhanyan rechnet sich zu den ‚Enkelkindern des Genozids’. Viele Kinder, deren armenische Eltern damals getötet wurden, seien als Waisen aufgenommen und assimiliert, teilweise auch zwangs-islamisiert worden. „Sie entdecken jetzt ihre armenischen Wurzeln“, erklärt Ordukhanyan.

Gern trägt er sein Anliegen auch in Kirchengemeinden vor. Dabei weist er mit Stolz darauf hin, dass Armenien das erste christliche Land in der Geschichte war; denn schon im Jahr 301, 25 Jahre vor der Entscheidung des Kaisers Konstantin, das Christentum zur Staatsreligion zu machen, war dies im armenischen Königreich geschehen. Sankt Blasius gilt als bekanntester armenischer Heiliger.

Nationales Symbol Armeniens ist der Berg Ararat, auf dem nach der biblischen Legende die Arche Noah nach der Sintflut gelandet sein soll. Der Berg liegt allerdings im türkischen Staatsgebiet – womit der Jahrhundert-Konflikt auch schon berührt ist:

Während des Ersten Weltkrieges war die Türkei mit dem Deutschen Reich verbündet. Das damalige türkische Regime wollte ein zentralasiatisches Großreich aller Turkvölker errichten, das vom Balkan bis nach China reichen würde. Die christlichen Armenier, deren Sprache zur indoeuropäischen Gruppe gehört, waren dabei im Weg.

Heutige Historiker haben inzwischen gezeigt, dass der Völkermord der Jahrzehnte späteren Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in Europa als Vorbild diente. Deutsche Militärs waren als Beobachter dabei. Trotz eindringlicher Appelle verschiedener Zeitzeugen blieb die deutsche Reichsregierung untätig.

Der Deutsche Bundestag hat den Massenmord an den Armeniern in einer Resolution anerkannt. Die Türkei verweigert dies bis heute. Für Azat Ordukhanyan wäre dies allerdings die Bedingung dafür, dass es zu einer Versöhnung der Enkel oder Urenkel kommen könnte: „Bis heute dürfen wir an den Gräbern unserer Toten nicht trauern“, klagt der Vorsitzende.

… Voraussetzung ist aber, die Wahrheit anzuerkennen.

Einen Hoffnungsschimmer sieht er jedoch: Während sich die offizielle Türkei noch strikt weigere, die historischen Tatsachen anzuerkennen – noch vor kurzem habe der türkische Präsident Erdogan ein Kunstwerk zerstören lasen, das für Frieden und Versöhnung stand – gebe es eine Bewegung von unten. Persönliche Begegnungen zwischen Menschen führen zu Verständigung und Verständnis. Ordukhanyan bekennt: „Für mich ist Warmherzigkeit wichtiger als Politik.“

Auf jeden Fall gelte es, die Wahrheit zu verbreiten. Deshalb fordert der Zentralrat, den Genozid an den Armeniern in den Lehrplan deutscher Schulen aufzunehmen: „Damit deutsche, aber auch türkische Kinder die Wahrheit erfahren.“

Jan-Peder Lödorfer (Text)

repor-tal (Fotos)

 

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