Der Niederrhein
und sein Bier

Der eine Trinkt nur Weizen, der nächste Scharzbier und der Dritte schwört auf sein Pils. Wenn es ums Bier geht, verstehen die Deutschen keinen Spaß, dann wird des ‚bierernst‘. Weit über die nordrhein-westfälischen Grenzen hinaus ist das Geplänkel zwischen Kölnern und Düsseldorfern um Kölsch und Alt bekannt. Daran scheiterte wohl auch der Versuch einer Brauerei im Grenzgebiet, einen ‚Diplomatenkoffer‘ auf den Markt zu bringen, ein Sixpack mit drei Flaschen Kölsch und drei Flaschen Alt. Bier-Diplomaten sind offenbar keine ausreichend große Zielgruppe.

Carl Pause © repor-tal
Carl Pause in seinem Element, der Geschichte das Altbiers. © repor-tal

Vor zwei Jahren hatte der Historiker Dr. Carl Pause die Idee, sich der Erforschung des Altbiers zu widmen. Pause ist Kurator am Clemens-Sels-Museum in Neuss. Schnell waren weitere Museen von der Idee fasziniert, und im Schneeballsystem schwappte das Bier-Projekt über in die benachbarten Regionen Belgiens und der Niederlande. So fanden sich 18 Kooperationspartner, die ein kulturhistorisches Netzwerk zum Thema Altbier bildeten. Das Ergebnis ist eine Ausstellung mit rund 50 Standorten des Niederrheins und Limburgs, Museen, Kulturstätten und Brauereien.

„Wir suchten natürlich auch eine Strategie, um kleine Museen wie unseres bekannter und attraktiver zu machen“, erklärt Dr. Uta Husmeier-Schirlitz, Direktorin des Clemens-Sels-Museums in Neuss, wo am 9. Juni der Startschuss für die Ausstellungsserie ‚ALTernativen‘ fällt.

Steinzeug-Quartkannen aus dem 14. Jahrhundert. Hierin erhielten Arme täglich ein Quart Bier.
© Clemens-Sels-Museum

Kurator Pause hat einen munteren Einstieg in die Geschichte des Altbiers unter dem Titel ‚Als das Altbier noch jung war‘ zusammengestellt. Fünf Themenschwerpunkte hat er gewählt, um sich dem ‚Alt‘ zu nähern. Und womit kann man im Rheinland anders beginnen als mit den Römern? Schon sie brauten natürlich ihr Cervisia, und den ansässigen Germanen schmeckte es auch.

Nachbildung eines Siegburger Steinzeugkrugs aus dem 16. Jahrhundert
© Clemens-Sels-Museum

Die Ausstellung eröffnet neue Perspektiven: Wer hätte gedacht, dass es im Mittelalter sehr viele Bierbrauerinnen gab? Die Ausstellung beantwortet Fragen, etwa nach dem Namen: ‚Alt‘ ist nicht alt, sondern wird einfach nach althergebrachter Tradition gebraut. Die Ausstellung korrigiert Irrtümer: Altbier wurde nicht am Niederrhein erfunden, sondern kam erst im 15. Jahrhundert aus den Ostseestädten über Hamburg in die Niederlande und von dort den Rhein herauf. Sieh einer an! Und die Ausstellung gibt Einblicke: Im Mittelalter lebten die Menschen fast im Dauerrausch; das ‚flüssige Brot‘ wurde an die Armen verteilt und warmes Bier zum Frühstück war normal…

Kupferner Braukessel aus dem 18. Jahrhundert
© Clemens-Sels-Museum

Und auch die alten Inhaltsstoffe – denn damals war der Hopfen noch nicht verbreitet – sind hier zu sehen, etwa ‚Grut‘, ein Würzmittel, das hauptsächlich aus dem Gagelstrauch gewonnen wurde. Erst im 15. Jahrhundert setzte sich der Hopfen durch. Mit Hopfen wurde das Bier haltbarer.

Eine reizvolle Methode, sich in die Welt der Bierbrauerei des Mittelalters zu versetzen, ist ein Geruchsautomat: Auf Knopfdruck strömt die ganze Geruchs-Welt der mittelalterlichen Brauerei in den Raum.

Doch auch das Thema Alkohol-Konsum und -Abhängigkeit kommt nicht zu kurz. Eine Verzerr-Brille bietet den Besuchern die Möglichkeit, einen Vollrausch optisch nachzuvollziehen – wie erwische ich nur die Türklinke!?

Jugendstil-Bierzapfsäule (um 1900)
© Clemens-Sels-Museum

Auch der Geselligkeit in Bier-Kneipen hat sich Pause gewidmet. Eine der ältesten Theken (1901) steht in einem Ausstellungsraum, der die Atmosphäre früherer Zeiten einzufangen versucht. Sogar eine Kegelbahn ist hier aufgebaut. Aber einen Ausschank gibt es nicht. Geht auch gar nicht, weil der Tresen nicht mehr den heutigen Hygiene-Ansprüchen genügt. Er hat noch ein Kupfer-Spülbecken. Heute ist Edelstahl Vorschrift.

Neben Führungen durch die Ausstellung – sogar mit einem Glas Altbier – bietet das Clemens-Sels-Museum auch eine Kneipenführung oder einen Bierbraukurs an. Das Programm ist vielfältig, spannend und unterhaltsam – nicht nur für die Nachbarn vom Niederrhein, sondern auch für Besucher und Urlauber aus anderen Gegenden.

Und es geht in weiteren Museen, zum Beispiel in Krefeld und Kleve oder Limburg und Venlo ähnlich interessant weiter. Beleuchtet wird das Bierbrauen, aber auch das Biertrinken und das Feiern. Das Angebot ist bunt und vielfältig. Vollständig ist es in dem ‚Altbier-Magazin‘ zu finden, das dass das Kultur-Netzwerk Rhein-Maas herausgegeben hat. Die Angebote reichen bis in den April 2014. Ein Blick hinein lohnt sich!

Zur Ausstellung ist auch ein Buch erschienen: ‚Altbier am Niederrhein‘. Es klärt alle Fragen rund um das süffige Bier, bis hin zu dem Rätsel, wann das heute typische Altbier-Glas erfunden wurde. Ein ebenso informativer wie amüsanter Parcours durch die Geschichte des Altbieres.

Text: Ruth Hoffmann

Photos: mit freundlicher Genehmigung des Clemens-Sels-Museums Neuss

Informationen: www.clemens-sels-museum.de

Adresse: Am Obertor, 41460 Neuss

Telefon: 02131 / 90 41 41

Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr

Eintritt: 5 Euro

Katalog: Carl Pause / Britta Spies (Hrsg.):Altbier am Niederrhein
Greven Verlag Köln, gebundene Ausgabe, 188 Seiten, 24,4 x 15 x 2 cm
19,90 Euro
ISBN: 978-3-7743-0608-0

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